Ganz reale Lügengebäude

Fake-Kirchen für den Krieg, geschönte Stadt-Kulissen für Putin: Für „The Potemkin Village“ hat der Tiroler Fotokünstler Gregor Sailer Orte der Tarnung und Täuschung besucht. Derzeit im Innsbrucker Fo.ku.s.

© sailer

Von Ivona Jelcic

Innsbruck –Eine Kirche, Wohnhäuser, eine Schule, sogar eine U-Bahn, wohlgemerkt die einzige in Sachsen-Anhalt: In Schnöggersburg wurde in den letzten Jahren fleißig gebaut, bis 2020 sollen 500 Gebäude fertig sein, rund 140 Millionen Euro kostet diese Stadt, die alles andere als ein Ort für Menschen wird. Sondern ein Kriegsschauplatz. Schnöggersburg ist eine Übungsstadt für die deutsche Bundeswehr, ein Fake-Ort mit blinden Fenstern, ein Testgelände für den Häuserkampf.

Solche Kulissenstädte, die als militärische Gefechtsübungszentren dienen, gibt es auch anderswo, zum Beispiel in den USA. Ihre Architekturen spiegeln wider, wo der „Feind“ verortet wird, so findet man etwa in der kalifornischen Mojave-Wüste exakte Nachbildungen arabischer oder afghanischer Kleinstädte samt Moscheen und Lebensmittelläden, vor denen das Gemüse ordentlich gestapelt ist. Es ist aus Plastik.

Wenn nun, wie in Schnöggersburg, nicht mehr „fremdländische“ Kulissen als Fake-Kampfzone dienen, sondern der Supermarkt oder gar die Kirche von nebenan, lässt das Rückschlüsse auf eine Verschiebung der Gefechtslinien zu: Hier wird der Anti-Terror-Einsatz vor der eigenen Haustür geprobt. Diese Verlagerung militärischer Strategien, sagt Gregor Sailer, sei ein Thema, das in seinen Bildern mitschwingt. Man könne auch mitdenken, dass am Bau von Schnöggersburg ein großer deutscher Rüstungskonzern Millionen verdient, der seinerseits wegen seiner Exportgeschäfte in der Kritik von NGOs steht.

Zeigen tun Sailers Fotografien diese Subtexte nicht. Aber indem der 1980 in Schwaz geborene Fotograf die Kulissenstädte zu seinem Motiv macht und zugleich demaskiert, geraten auch ihre Hintergründe ins Zentrum des Interesses. Womit Sailer punktgenau in der allgegenwärtigen Debatte über Wahrheit oder Fake, Kopie und Original aufschlägt.

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Sein fotografischer Blick ist dabei nüchtern-dokumentarisch, seine Fotografien sind stille, undramatische Bilder, präzise erforscht er räumliche Strukturen, bevorzugt das diffuse Licht unter bewölkten (Winter-)Himmeln, vermeidet harte Kontraste und Schatten. Was die Rätselhaftigkeit der Orte verstärkt. Es handelt sich keineswegs nur um militärische Fake-Städte: In der schwedischen „Carson City“ werden selbstfahrende Autos getestet, dem Projekttitel „The Potemkin Village“ in seiner eigentlichen Bedeutung kommt Sailer am nächsten in Russland, wo der Legende nach einst der Feldmarschall Potjomkin vor einer Reise von Zarin Katharina der Großen durch das neu eroberte Krimgebiet ganze Dörfer aus bemalten Kulissen errichten ließ. Sailer fand 2016 in der russischen Stadt Ufa ganze Straßenzüge für einen Besuch Putins mit Planen „behübscht“. Sie blättern längst wieder von den heruntergekommenen Fassaden, das Prinzip Tarnen und Täuschen aber scheint heute noch so beliebt wie einst.

Ein Kapitel für sich sind schließlich Repliken europäischer Städte in China: „Gated Communities“ werden da etwa im Stil eines Little London gebaut – allerdings lockt das Trugbild kaum zum dauerhaften Verweilen: Viele dieser Wohngebiete stehen zum größten Teil leer.

Für sein letztes großes Projekt besuchte Sailer „Closed Cities“, geschlossene Stadtformen, etwa in Rohstofffördergebieten von Sibirien bis in die West-Sahara. Auch dafür durchlief er endlose Genehmigungsverfahren, abenteuerliche Geschichten gäbe es ebenso über die zwei Jahre dauernde Arbeit an „The Potemkin Village“ zu erzählen, u. a. israelische Militärstädte blieben für Sailer tabu. Dass er mit einer analogen Plattenkamera fotografiert, macht sein künstlerisches Unterfangen nicht unkomplizierter: Er ist mit schwerem Gerät unterwegs. Und mit dem Anspruch, dass ein einziges Bild genügt. Wenn, lacht Sailer, kein Sandsturm die Pläne durchkreuzt.

Dass die Erstausstellung von „The Potemkin Village“ in Innsbruck stattfindet, freut Fo.ku.s-Kuratorin Barbara Psenner besonders, das internationale Interesse an Sailers Arbeit ist riesig, besonders, seit Anfang Oktober das gleichnamige Fotobuch im Kehrer Verlag erschienen ist. 2018 wird Sailer bei Les Rencontres d’Arles, einem der weltweit wichtigsten Fotofestivals, mit einer Einzelausstellung vertreten sein.


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