Literatur

Ein Mann, zwei Theater, drei Frauen

© Burgtheater/Reinhard Werner

Joachim Meyerhoff tourt in Band vier seiner Romanserie „Alle Toten fliegen hoch“ durch die Theaterprovinz und entdeckt die Liebe.

Von Bernadette Lietzow

Wien –Das Vorsatzblatt des druckfrischen Meyerhoff-Oeuvres „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“ ziert die anschaulich gezeichnete Anleitung zum Lakritzschnüre-Schlucken, ein quasi vorerotisches Ritual, bei dem der elfjährige Joachim mit der verehrten Freundin schon einmal den Austausch von Körperflüssigkeiten probiert, vorab bleibt es beim Magensaft. Als Nachfolger im Geiste Napoleons erobert er, der geheimnisvollen Unbekannten Sexualität auf der Spur, den FKK-Bereich eines Strandes auf Elba.

Mit derlei Rückblicken auf die eigene Frühzeit dockt der frischgebackene Nestroy-Preisträger, Burgstar und Autor Joachim Meyerhoff geschickt an die atmosphärisch wunderbar dichten drei Vorgängerbände seiner literarischen Autobiografie „Alle Toten fliegen hoch“ an. Der Held hat seine Kindheit und Jugend, die er als Sohn eines Arztes auf dem Gelände einer psychiatrischen Einrichtung verbracht hat, nun hinter sich. Die Münchner Jahre in der Schauspielschule, geborgen im liebevollen, alkoholgeschwängerten Kokon des großelterlichen Kosmos, sind ebenso vorbei und jetzt soll, immer begleitet von den Toten – Bruder, Vater und Großeltern – das „erwachsene“ Leben beginnen. Dessen Start am Theater in Bielefeld ist holprig, ebenso wie streckenweise die Lektüre des vierten Erinnerungsbandes, der sich der schwierigsten literarischen Disziplin, dem „Liebesroman“, widmet.

Die Studentin Hanna, intelligent, schräg und kompliziert, eröffnet dem Jungschauspieler die Welt der Literatur, peinigt ihn mit ihrem absoluten Willen zu Wahrheit wie Erkenntnis – und ist für einige Jahre die Liebe seines Lebens. Als er nach einer Spielzeit nach Dortmund wechselt, gesellt sich, gleichsam als Gegenkonzept zur vergeistigten Hanna, die erotisch intensive Daueraffäre mit der Tänzerin Franka dazu. Dass beide Frauen nichts voneinander wissen dürfen und sich bald eine dritte Konkurrentin einstellt, ist Anlass für immer größere Kalamitäten, in die der Beziehungsjongleur Meyerhoff gerät.

Puddingbrezel, Schweineohr und eine unendliche Herzlichkeit sind die Köder, mit denen die Bäckersfrau Ilse den zunehmend verzagten jungen Mann für sich einnimmt. In ihrer Backstube erholt er sich frühmorgendlich bei Udo Jürgens von seinen Parallelwelten und macht das Lesepublikum endlich glücklich mit der derart warmherzigen Darstellung dieser drallen Mittvierzigerin, dass man neben dem Brotgeruch auch deren reizende Schnaps- und Schweißfahne wahrzunehmen meint. Am Ende der privaten Tour de Force, Franka als auch Hanna haben ihn verlassen, wird er in Ilses nagelneuem Gastgarten sein Ankommen bei sich feiern: Mit Fingertrommel und fröhlichem „Hoch“ entlässt er endgültig „seine Toten“ aus der Verpflichtung, über ihm zu wachen.

Roman Joachim Meyerhoff: Die Zweisamkeit der Einzelgänger. Kiepenheuer & Witsch 2017, 416 Seiten, 24,70 Euro.