Flüchtlingstragödie

Flüchtlinge in Uganda: Neues Leben im Schatten der Toten

Nach wochenlanger Flucht strandete die Südsudanesin Lucia Jambala in der Flüchtlingssiedlung Imvepi im Norden Ugandas.
© Gutenbrunner/ADA

Weitgehend unbemerkt von der Weltöffentlichkeit tobt im Südsudan ein blutiger Krieg. Über eine Million Menschen sind nach Uganda geflüchtet, das auf eine Politik der offenen Grenzen setzt. Österreich hilft.

Von Christian Jentsch aus Arua/Uganda

Arua — Am Ende ihrer Reise sitzt sie vor einer kleinen Lehmhütte, eine Plastikplane dient als Dach. Sie lebt und sie ist in Sicherheit. Ein Sack Mais-Soja-Mischung vom UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR wurde gerade angeliefert. Die 53-jährige Lucia Jambala vom Volk der Kakwa hat das Lachen verloren, aber sie hat überlebt. Hinter ihr liegt die Hölle — ein blutiger Bürgerkrieg und die Flucht aus ihrem Heimatdorf bei der Stadt Yei im Südsudan. Es war an einem Tag im März im Morgengrauen, als Regierungssoldaten auf der Jagd nach Rebellen ihr Dorf überfielen und es niederbrannten. Sie schossen wahllos auf Zivilisten und verbrannten Menschen bei lebendigem Leib, auch Kinder wurden nicht verschont. Frauen wurden entführt und vergewaltigt. Lucia, die in ihrem Dorf als Bäuerin lebte, ergriff die Flucht, während ihre Brüder abgeschlachtet wurden. Rund drei Wochen lang irrte sie zu Fuß mit nichts als ein wenig Nahrung im Schutze der Nacht in Richtung Uganda. Die Angst war ihr ständiger Begleiter, eine Begegnung mit Soldaten hätte ihren sicheren Tod bedeutet. Zusammen mit ihrem Sohn und ihren Enkelkindern erreichte sie schließlich die Grenze. Ihr Mann überlebte die Flucht nicht. Wie Lucia schleppten sich im März dieses Jahres täglich bis zu 4000 Flüchtlinge aus dem Südsudan über die Grenze nach Uganda, heute sind es noch immer Hunderte. Über eine Million Südsudanesen haben Zuflucht in Uganda gefunden und leben nun in riesigen Flüchtlingssiedlungen im Norden des ostafrikanischen, selbst bitterarmen Landes. Über 80 Prozent der Bewohner dort sind Frauen und Kinder unter 18 Jahren.

Von der ugandischen Seite der Grenze wurde Lucia halbverhungert in die im Februar dieses Jahres eilig aus dem Boden gestampfte Flüchtlingssiedlung Imvepi — geführt vom UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR und der ugandischen Regierung in Zusammenarbeit mit zahlreichen Hilfsorganisationen aus der ganzen Welt — im Distrikt Arua gebracht. Dort lebt sie heute zusammen mit über 126.000 Flüchtlingen aus dem Südsudan — im Schatten der Toten in ihrer vom blutigen Bürgerkrieg verwüsteten Heimat. Und trifft hier auch auf Hilfe aus Österreich.

Brunnen für die Bevölkerung im Norden Ugandas.
© Gutenbrunner/ADA

Die Austrian Development Agency (ADA) — Pionier bei Projekten der Wasserversorgung in Uganda — entwickelt hier ein im Rahmen des EU-Treuhandfonds für Afrika mit 4,9 Mio. Euro ausgestattetes Projekt zur Verbesserung der Wasserver- und Abwasserentsorgung. Bis zu 260.000 Menschen in Nord­uganda sollen damit Zugang zu sauberem Trinkwasser erhalten. „Es geht um die Schaffung nachhaltiger Infrastruktur, welche die teure Nothilfe mit Wassertankern ersetzt — für die Flüchtlinge und für die gastgebende Bevölkerung. Es geht um Hilfe zur Selbsthilfe", erklärt Günter Engelits, Leiter des Auslandsbüros der ADA in Kampala.

Gleich nach der Ankunft in Imvepi werden die Flüchtlinge medizinisch untersucht, Kinder werden geimpft, einige von ihnen mit Kraftnahrung versorgt. Dann erfolgt die Registrierung und die Unterbringung in provisorischen Unterkünften, bis sie schließlich in eine ausgewählte Flüchtlingssiedlung gebracht werden. Lucia und dem Rest ihrer Familie wurde wie allen Bewohnern ein 50 mal 50 m großes Grundstück zugewiesen, um Sorghumhirse, Maniok oder Süßkartoffeln anzubauen — zumindest ein kleiner Beitrag zur Selbstversorgung vor Ort.

Dem 2013 entflammten brutalen Bürgerkrieg im Südsudan sind bereits Zehntausende Menschen zum Opfer gefallen. Fast vier Millionen Menschen, rund ein Drittel der Gesamtbevölkerung des erst 2011 gegründeten Staates, sind auf der Flucht. Entzündet hat sich der ethnisch instrumentalisierte brutale Krieg im ölreichen Südsudan am Machtkampf zwischen Präsident Salva Kiir vom Volk der Dinka und seinem damaligen Stellvertreter Riek Machar vom Volk der Nuer. Mittlerweile hat er erschreckende Dimensionen angenommen. Die UNO hat bereits mehrfach vor einem Völkermord gewarnt und befürchtet eine Hungersnot im Südsudan, die bald 1,5 Millionen Menschen treffen könnte.

In Imvepi leben rund 126.000 Menschen, vorwiegend Flüchtlinge aus dem Südsudan.
© Gutenbrunner/ADA

In Imvepi fühlt sich Lucia sicher. „Endlich keine Gewehrsalven mehr. Endlich Friede", erklärt sie. Ein Friede, der auch im Norden Ugandas lange keine Selbstverständlichkeit war. Noch vor zehn Jahren terrorisierte hier die christlich-extremistische Widerstandsbewegung der Lord's Resistance Army, 2005 von der UNO als brutalste Rebellengruppe der Welt bezeichnet, die lokale Bevölkerung. Auch hier wurde wahllos geplündert, gemordet, gefoltert und vergewaltigt. Der Norden Ugandas erholt sich selbst nur langsam von den jahrzehntelangen blutigen Konflikten, die lokale Bevölkerung lebt von Subsistenz­wirtschaft und kommt gerade über die Runden.

Und trotzdem: Die Südsudanesen — „unsere Brüder", wie sie hier immer wieder genannt werden — werden mit offenen Armen empfangen. Trotz knapper Ressourcen, trotz ständig neuer Flüchtlingswellen. Die lokale Bevölkerung stellt den Flüchtlingen ihr Land zur Verfügung. Das Zusammenleben funktioniert, auch weil die lokale Bevölkerung von den Flüchtlingen profitiert. Die Versorgung Hunderttausender aus dem Südsudan mit Nahrung, sauberem Wasser und Medikamenten, der Bau neuer Straßen, die Präsenz Dutzender Hilfsorganisationen, die Belebung lokaler Märkte kommen auch der ansässigen Bevölkerung zugute. Die Zauberformel: Das Gebiet soll langfristig entwickelt werden, auch wenn die Flüchtlinge eines Tages wieder in ihre Heimat zurückkehren sollten. „Unser Lebensstandard hat sich verbessert, wir können Einrichtungen zur medizinischen Versorgung und auch Schulen mitbenützen. Es geht um Nachhaltigkeit. All das, was hier entsteht, entsteht für unsere Zukunft", erklärt Samuel Obiga, einer der lokalen Vorsteher der Gastgebergemeinden in der Flüchtlingssiedlung Imvepi. Ugandas Regierung verfolgt vehement eine Politik der offenen Grenzen und sieht die Kapazitätsgrenze noch lange nicht erreicht. „Wir werden die Türen offen halten", erklärt der Staatsminister für Füchtlingsangelegenheiten, Musa Ecweru, in Kampala. Und er appelliert an die Internationale Gemeinschaft, das ugandische Modell der Flüchtlingspolitik zu unterstützen, auch und gerade im Kontext der Entwicklungszusammenarbeit. Und blickt hierbei besonders nach Europa. „Wenn Europa die Flüchtlingskrise in den Griff bekommen will, muss es den Menschen in Afrika vor Ort helfen", erklärt der Minister. Bisher ist freilich erst rund ein Drittel der vom UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR für Uganda geforderten Hilfsgelder in der Höhe von rund 624 Mio. Euro eingegangen. Für die Flüchtlinge in Norduganda ist Europa jedenfalls nicht das Ziel ihrer Träume. Sie sind dem Tod knapp entronnen und suchen einen sicheren Zufluchtsort. Europa ist fern ihrer Träume, sie wollen zurück in ihre Heimat. Wenn der blutige Konflikt jenseits der Grenze jemals wieder enden sollte.

Die Flüchtlinge leben nicht in einem Lager eingepfercht, sondern auf einer großen Fläche zusammen mit der lokalen Bevölkerung.
© Gutenbrunner/ADA

Österreichische Entwicklungszusammenarbeit in Uganda

Schwerpunktland: Uganda ist seit 1992 Schwerpunktland der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit. Der Umfang der Österreichischen Entwicklungshilfeleistungen (ODA) an Uganda betrug zwischen 1994 und 2016 rund 200 Millionen Euro. Die bilaterale ODA für Uganda betrug 2016 rund 10 Mio. Euro. Die Austrian Development Agency (ADA), die Agentur der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit, konzentriert sich auf die Bereiche „Wasserversorgung und Siedlungshygiene" sowie „Recht, Justiz und Frieden".

Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser: In Sachen Versorgung mit Trinkwasser hat Österreich in Uganda Pionierarbeit geleistet. Mit Mitteln Österreichs, der EU und anderer Geber baut die ADA die Trinkwasser- und Sanitärversorgung in ganz Uganda aus. Dabei wird eng mit der ugandischen Regierung zusammengearbeitet. Mehr als eine Million Menschen profitieren davon.

Wasser für Flüchtlinge: Angesichts der Aufnahme von über 1,3 Millionen Flüchtlingen insbesondere im Norden des Landes ist Uganda — der Human Development Index 2016 weist das Land auf dem 163. Platz von insgesamt 188 Staaten auf — längst an seine Kapazitätsgrenzen gelangt. Die ADA setzt aufgrund ihrer großen Expertise ein EU-Projekt zur Verbesserung der Wasser- und Sanitätsversorgung in der betroffenen Region sowohl für die Hunderttausenden Flüchtlinge als auch für die dort ansässige lokale Bevölkerung um.

Katastrophenhilfe: Seit Ende Juni hat Österreichs Regierung auf Initiative des Außenministeriums angesichts der neuen Hungerkrise in Teilen Ostafrikas zusätzliche rund elf Mio. Euro aus dem Auslandskatastrophenfonds für Afrika bereitgestellt. Für die südsudanesischen Flüchtlinge wurden dieses Jahr rund 6 Mio. Euro mobilisiert, 1,5 Mio. davon für das UNHCR.

Recht, Justiz und Frieden: Die Österreichische Entwicklungszusammenarbeit unterstützt Uganda seit 1997 bei Reformen im Rechts- und Justizbereich. Es geht um Rechtsstaatlichkeit, die Achtung der Menschenrechte und den Zugang zu Recht als Voraussetzung für eine von der Bevölkerung getragene langfristige Entwicklung.

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