Diese Kunst beherrscht 3000 Grad
Aus Glas entstehen in den Händen von Veronika Petutschnig Kunstwerke. In der lebenden Werkstätte am Lienzer Christkindlmarkt können Kinder Stücke nach ihren individuellen Wünschen anfertigen lassen.
Von Christoph Blassnig
Leisach –Ein kleiner Brenner am Arbeitstisch im Gartenhäuschen konzentriert das Propan-Sauerstoff-Gemisch zu einer 3000 Grad heißen, gleißend weißen Flamme. Veronika Petutschnigs geübte Hand führt ein Glasröhrchen. Unter Drehen wird das Material flüssig und färbt sich alsbald glühendrot.
„Wie wenn man Honig auf ein Brot streicht, so muss man auch erhitztes Glas immer in Bewegung halten, damit es nicht tropft“, erklärt die Künstlerin Kindern diesen Vorgang. „Ich bin viel in den Osttiroler Pflichtschulen unterwegs. Sobald ich die Flamme zünde und sie einmal groß auflodern lasse, habe ich auch den gelangweiltesten Zweifler in der Klasse in meiner Tasche“, lächelt sie verschmitzt. Die Glasbläserschule in Kramsach, an der sie selbst vor 25 Jahren ihre Ausbildung begonnen hat, müsse wohl nur so übergehen vor Osttirolern, so oft, wie dieser Berufswunsch nach ihrem Besuch geäußert werde.
In das kalte Röhrchen hat Veronika vorher auch bunte Glasfäden, so genannte Stringers, die sie aus Glasresten zieht, gegeben. „Ich habe praktisch keine Überbleibsel – bei mir wird alles verwertet.“ In vielen Farben importiert sie das Ausgangsmaterial in Stabform aus Deutschland.
Jetzt zeigt sich, warum die Stringers zuvor in das kalte Röhrchen gefüllt wurden: Die Künstlerin bläst in ein Ende – wie in einen kleinen Luftballon, der größer und größer wird. Eine Kugel bildet sich, wächst, bis sie faustgroß ist. Die Fäden sind im Inneren der Glashaut sternförmig zu einem bunten Netz verschmolzen, das sich in alle Richtungen spannt. Schnell noch die beiden Enden versiegelt und fertig ist der Christbaumschmuck.
„Mit den bunten Glasfäden schreibe ich nach Wunsch auch Namen auf die Schmuckstücke“, sagt Veronika, während sie ausgefallene Auftragsarbeiten zeigt. Ein Harley-Davidson-Motorrad, eine Geige, ein Feuerwehrmann, eine Ballerina, Taucher oder Skulpturen für eine Hochzeit – es gibt kaum etwas, was sich ihre Kunden nicht wünschen würden. „Das hält es auch für mich stets spannend“, sagt Veronika. „Ich tüftle und überlege und arbeite dann oft stundenlang am Stück, bis das letzte Detail gelungen ist.“ Zuletzt hat sich jemand eine gläserne Schnecke fertigen lassen, mit einem Totenkopf als Schneckenhaus am Rücken. Selbst polternde Hochzeiter haben schon in Veronikas Werkstatt Andenken gefertigt.
Aktuell verbindet sie ihre Glaskunst mit Materialien, die glühende Hitze eigentlich nicht gut vertragen: Wurzeln und Kräuter, die eine spezielle Faszination für Vroni haben. „Schon meine Mutter hat alles in der Natur gekannt und mir erklärt. Mein Martin nennt mich deshalb liebevoll seine Hexe – ein Kompliment für mich.“ Um ihren Hals trägt Veronika ein gläsernes Amulett, das im Inneren eine von ihr selbst zusammengestellte Kräutermischung beherbergt. „Wie bei Bachblüten lässt sich da Gutes zusammenstellen.“
Von 13. bis 17. Dezember leiht Veronika ihre Kunstfertigkeit wieder Kindern in der lebenden Werkstätte am Lienzer Adventmarkt. Engel, Rentiere und Kugeln entstehen nach den Wünschen der Kleinen, die beim Selbst-Aufblasen ihrer Stücke staunen werden.