Eine Revolution in kleinen Schritten

„Die Aufgaben der Gegenwart lassen sich nicht national lösen“, sagt Schriftsteller Robert Menasse im TT-Gespräch. Heute präsentiert er seinen mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman „Die Hauptstadt“ in Innsbruck.

Robert Menasse.
© dpa/Dedert

Ein Essay, heißt es bei Jean Amery, beantwortet Fragen, die sich erst nach der Lektüre stellen. Sie haben sich in Essayform mit der Europäischen Union auseinandergesetzt — und nun mit „Die Hauptstadt“ einen inzwischen preisgekrönten Roman zum Thema geschrieben.

Robert Menasse: Der Roman ist jene literarische Form, die die größte Möglichkeit bietet, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Die Gattung vermag es, zu erzählen, was ein Mensch tut, was ihn umtreibt, wovon er träumt. Ich wollte erzählen, was sich in Brüssel, in den europäischen Institutionen, aber auch in der Stadt selbst abspielt. Mein Anspruch war es, dem großen Abstraktum EU ein Gesicht zu geben, viele verschiedene Gesichter. Ich wollte Geschichten von Menschen erzählen, die biografisch in irgendeiner Form in der europäischen Geschichte, den europäischen Mentalitäten verwurzelt sind.

Dann war Ihr Essay „Der europäische Landbote“ die theoretische Vorarbeit, die der Roman nun mit Leben erfüllt?

Menasse: Ich ging 2010 nach Brüssel, um einen Roman zu schreiben. Der Essay ist gewissermaßen eine Zusammenfassung der Erfahrungen, die ich dort gemacht habe — und die Reflexion über die Schlüsse, die ich daraus gezogen habe. Ich suchte in Brüssel nach der Antwort auf eine ziemlich einfache Frage: Was sind das für Menschen, die in mein Leben reinregieren? Es ist ein Novum, dass in einer Stadt die Rahmenbedingungen für einen ganzen Kontinent erarbeitet werden. Doch ich merkte schnell, dass mein Ton zunehmend essayistischer wurde. Erklärender, reflexiver. Da sich der Essay ganz offensichtlich schreiben wollte, hab ich ihn geschrieben. In der Hoffnung, dass ich dann, wenn ich ihn aus dem Kopf und vom Schreibtisch habe, bereit bin, zu erzählen.

Gab es Zweifel, ob sich die EU überhaupt erzählen lässt?

Menasse: Man tut gerne so, als sei die EU ein erratischer Block. Etwas Geschlossenes, Undurchdringliches. Aber das ist falsch: In Brüssel zeigt sich ein mehr oder weniger glückendes Zusammenarbeiten verschiedener Institutionen. In diesen Institutionen arbeiten Menschen. Alles Menschliche lässt sich erzählen. Überraschender ist es, dass es noch nicht erzählt wurde. Die EU ist der bedeutsamste gesellschaftliche und politische Prozess unserer Lebenszeit. Wir stellen uns unter Revolution gerne eine spektakuläre Erschütterung vor, aber was wir erleben, ist eine Revolution in sehr vielen kleinen Schritten. Schon die Idee eines nachnationalen Kontinents ist revolutionär.

Eine Reaktion auf die Erfahrungen zweier Weltkriege.

Menasse: Eine Konsequenz aus den Verbrechen des Nationalisums. Und manche sagen: „Das ist lange her. Man kann nicht ewig im Schatten der Geschichte stehen.“ Aber diese geniale Idee ist auch die vernünftigste Anwort auf gegenwärtige und zukünftige Herausforderungen, auf das, was wir Globalisierung nennen. Kein Problem, das Globalisierung aufwirft, lässt sich national lösen. Das ist keine Meinung, sondern ein Faktum. Das heißt nun aber nicht, dass in den europäischen Institutionen alles funktioniert. Das tut es nicht. Und es gibt viel, was ich hart kritisiere. Aber die Messlatte für alle Kritik am Status Quo ist die Idee eines nachnationalen Europas.

Die jüngsten Nationalratswahlen haben gezeigt, dass sich nicht nur manche Parteien, sondern auch die Mehrheit der Wähler an die nationale Idee klammert.

Menasse: Daran sind weniger die Rechtpopulisten und Rechtsradikalen Schuld, als die Parteien der Mitte: Sie haben es versäumt, zu erklären, worum es geht. Einen Nationalstaat kann man sich als politische Realität noch einbilden. Alles, was von außen kommt, ist Bedrohung: Flüchtlinge, Verordnungen aus Brüssel. Doppelbödig, ja hinterhältig ist, wie die Populisten damit umgehen: Die Freiheitlichen versprechen im Wahlkampf die Lösung der Flüchtlingsfrage — und stimmen auf europäischer Ebene dagegen. An Lösungen sind sie also gar nicht interessiert, sondern daran, Probleme am Köcheln zu halten, weil es ein paar Stimmen bringt.

Im „Europäischen Landboten“ vergleichen Sie den Brüsseler Beamtenapparat mit Figuren aus Vorabend­romanen. Ist „Die Hauptstadt“ auch ein solcher Vorabendroman?

Menasse: Ich glaube, wir befinden uns mitten in einem Epochenbruch, der 1989 mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion begann. Der trauere ich wahrlich nicht nach, aber es steht außer Zweifel, dass diese Ereignisse den Neoliberalismus beflügelt haben, mit massiven Konsequenzen für unser aller Leben. Was wir derzeit erleben, ist eine Unentschiedenheit, die zu einer unproduktiven Blockade führen könnte. Wir wissen, dass es keine nationalen Lösungen für die großen Probleme der Gegenwart gibt — und scheinen noch nicht bereit, Vorschläge, wie sie zuletzt etwa Emmanuel Macron angedacht hat — und die seit Jahren in Brüssel feststecken — in Angriff zu nehmen. Wenn das nicht passiert, steuern wir auf den Untergang zu. Ich weiß, dass Hunderte jubeln werden, wenn die EU untergeht. Aber genau die Idioten stehen wenig später vor den rauchenden Trümmern — und erklären, dass es nie wieder soweit kommen darf.

Das Gespräch führte Joachim Leitner


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