Der gute Mensch von Teheran

Ali Soozandehs Animationsfilm „Teheran Tabu“ erzählt vom iranischen Alltag, der Frauen zum absurden Spießrutenlauf zwischen Moral und Doppelmoral zwingt.

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© Filmladen

Von Peter Angerer

Innsbruck –Es gibt ja diese Übereinkunft, dass wir mit der Herkunft eines Films immer auch ein späteres Sehen dieses Films nach den Kinogehern des Herkunftlandes erleben. Aber schon beim ersten Bild von „Teheran Tabu“ ist zu erahnen, dieser Film kann nie in einem iranischen Kino projiziert worden sein.

Eine Frau steigt mit ihrem kleinen Sohn in ein Taxi, doch es ist der Fahrer, der ein paar Geldscheine in die Hand der mit einem roten Kopftuch geschmückten Frau schiebt. Die Frau reicht das Geld an den Fünfjährigen und sagt: „Dafür kann ich dir nur einen blasen!“ Der Taxifahrer ist zufrieden, öffnet seine Hose, das Kind widmet sich diskret den vorbeiziehenden Autos und Häusern. Weil er seine Aufmerksamkeit auch dem Verkehr widmen muss, entdeckt der Taxler am Straßenrand eine junge Frau in der Begleitung eines Mannes. „Diese Hure“, sagt der Mann, springt nach einer Karambolage, ohne sich um den Schaden zu kümmern, auf den Gehsteig, wo seine Tochter dabei ist, Schande über seine Familie zu bringen.

Ali Soozandehs „Teheran Tabu“ erzählt von Prostituierten, Drogenabhängigen, korrupten Richtern, Mädchenhändlern, Abtreibungen, Pornographie und Ärzten, die Hymen einsetzen, um dem Bräutigam Jungfräulichkeit vorzugaukeln, also um Dinge, die es in der Islamischen Republik Iran nicht gibt und offensichtlich irgendwie zum Alltag gehören. Besonders kompliziert gestaltet sich dieser Alltag zwischen Moral und Doppelmoral für Frauen.

Pari (Elmira Rafizadeh) nutzt den Zwischenfall mit ihrem Sohn Elias zur Flucht. Als Prostituierte hat sie das Geld verdient, um für ihren Ehemann die Todesstrafe in eine lebenslange Haft umwandeln zu können, und erwartet sich dafür dessen Einwilligung in die Scheidung, da von einer Frau für jeden Schritt in der Öffentlichkeit, für jedes Detail im Umgang mit Behörden – etwa die anstehende Einschulung von Elias – die Einwilligung des Ehemannes verlangt wird. Sara (Zahra Amir Ebrahimi) möchte arbeiten, um sich nützlich zu fühlen, aber ihr Ehemann verweigert seine Zustimmung, da die Nachbarn denken könnten, dass sie auf die zusätzlichen Einnahmen angewiesen sind. Donya (Negar Mona Alizadeh) steht nach einem One-Night-Stand mit dem Musiker Babak (Arash Marandi) vor dem Problem, in zehn Tagen, am Tag ihrer Hochzeit, ein intaktes Hymen vorweisen zu müssen. Die Wege der drei Frauen müssen sich immer wieder in Teheran kreuzen und für ihre Absichten mit der Todesstrafe rechnen. Sara möchte das Kind, das sie erwartet, nicht dieser repressiven Welt aussetzen. Wie Donya, die ihr Dorf für den Traum eines besseren Lebens verlassen hat, sucht sie einen Gynäkologen, der bereit ist, (für viel Geld) sein Leben zu riskieren.

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Es ist die abgebrühte Pari, die sich nichts mehr vom Leben erwartet, die sich jedoch als letzter guter Mensch von Teheran erweist.

„Teheran Tabu“ konnte natürlich nicht im Iran gedreht werden. Ali Soozandeh, 1970 in Shiraz geboren, emigrierte vor über zehn Jahren nach Deutschland und realisierte sein Kinodebüt mit österreichischer Produktionsbeteiligung in einem Kölner Studio im Rotoskope- und Motion-Capture-Verfahren als Animationsfilm. Der abstrakte Realismus macht so manche Grausamkeit erträglich, nur für die Zensur des Mullah-Regimes sind die Bilder wohl für Jahrzehnte eine Zumutung.


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