Popsängerin Dillon: „Kind“ als „Geschichte vom heranwachsenden Samen“

Wien (APA) - Auf die Schwere folgt eine neue Leichtigkeit: Dillon hat sich für ihr drittes Album „Kind“ nicht nur mit neuen Klangfarben umge...

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Wien (APA) - Auf die Schwere folgt eine neue Leichtigkeit: Dillon hat sich für ihr drittes Album „Kind“ nicht nur mit neuen Klangfarben umgeben, sondern begegnet ihren Hörern auch deutlich optimistischer. War der Vorgänger „The Unknown“ in vielerlei Hinsicht eine düster-melancholische Platte, ist nun das blumige Cover Programm. „Das ist mein schönstes Album, das ich gemachte habe“, sagt die Sängerin selbst.

Und man kann der gebürtigen Brasilianerin, die seit ihrem fünften Lebensjahr in Deutschland lebt, nur zustimmen. Wenn sie von einem „in sich geschlossenen Universum“ spricht, dann bezieht sie sich damit sowohl auf den inhaltlichen Überbau der zehn Stücke als auch die konsequent durchgezogene musikalische Gestaltung. Die für sie typische, teils sehr reduziert daherkommende Elektronik wird ergänzt von Bläsern, aber auch nur ins iPhone gesungene Nummern haben auf „Kind“ ihren Platz. „Ich bin ein großer Fan des Digitalen“, erklärt Dillon im APA-Interview. „Ich habe nicht mehr Achtung oder Respekt vor analogen Einspielungen.“

Passiert ist für die neuen Stücke aber beides. Gerade die Entscheidung, verschiedene Bläser zu integrieren, sei für die Entstehung der Songs wesentlich gewesen. Auf dem Weg dahin gab es auch eine Liveplatte mit einem Chor. „Es war der Versuch, mir die Angst zu nehmen, diese Lieder alleine erleben und verspüren zu müssen“, bezieht sich Dillon auf das Material von „The Unknown“. „Einerseits hat es funktioniert, andererseits gar nicht - ich hatte nichts gemeinsam mit diesen Stimmen.“ Dann kam ihr die Idee, es mit Blasinstrumenten zu versuchen. „Da kommt meine Stimme näher ran. Außerdem kann ich diese Instrumente gar nicht spielen, es ist also etwas Abstraktes, was mir wiederum Sicherheit gibt.“

Herausgekommen ist eine aus ihrer Sicht „Super-Human-Version of a Female Voice“, wie die gerne zwischen den Sprachen changierende Musikerin meint. „Ich wollte die Bläser aber nicht benutzen, um meine Stimme zu kaschieren. Auch wollte ich nicht über sie schreien müssen.“ Beides ist nicht der Fall, vielmehr ergänzen sich die unterschiedlichen Teile in Stücken wie „Stem & Leaf“ auf ganz natürliche Weise. Schritt für Schritt führen die Songs damit hinein in die „Geschichte vom heranwachsenden Samen. Daher stammt auch die Idee, die Lieder ineinander übergehen zu lassen.“

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Die Texte sind in bekannter Manier großteils auf Englisch gehalten, mit einigen deutschen Einsprengseln. Aber mit „Te Procuro“ findet sich auch ein Lied in Dillons Muttersprache Portugiesisch wieder - einfach direkt ins Smartphone eingesungen. „Ich springe zwischen den Sprachen, wenn ich spreche. Das irritiert viele. Aber ich bin mit drei Sprachen aufgewachsen“, erzählt sie. „Portugiesisch spreche ich offenbar wie eine Elfjährige, mit Akzent! Daher habe ich das Lied meiner Mutter geschickt und gefragt, ob es okay ist. Und sie meinte, es ist total schön. Also blieb es genau so.“

Wenn ein Album erstmal erschienen ist, gebe man die Lieder auch aus der Hand. „Absolut“, nickt Dillon dazu. „Deswegen heißt das Album auch ‚Kind‘“, wobei hier das englische „kind“ ebenso wie das deutsche „Kind“ mitschwingt. „Wenn du ein Kind zur Welt bringst, ist es einerseits dein Kind und dann überhaupt nicht. Du musst es Leben lassen. Du kannst eigentlich nur schauen, dass du die Umstände so wenig beschissen wie möglich kreierst. Nicht mal gut, nur so wenig schlimm wie möglich. Das verspüre ich mit all meinen Alben.“

Schwer sei es jedenfalls mit „The Unknown“ gewesen. Mittlerweile kann die Musikerin besser über das 2014 erschienene Werk sprechen. „Es gab inhaltliche Dinge, mit denen ich mich nicht auseinandersetzen wollte, aber musste! Der Inhalt war für mich absolut herzzerbrechend.“ Sie habe auch unter keiner Schreibblockade gelitten, wie vielfach berichtet wurde. „Das ist etwas, was total aus dem Kontext gerissen wurde“, unterstreicht Dillon. „Ich wollte diese Dinge nicht dokumentieren. Meine Alben sind nichts anderes als eine musikalische Wiedergabe meines Lebens. Und das war ein Aspekt, den ich einfach nicht bearbeiten wollte. Deswegen habe ich mich blockiert, ich war manisch-depressiv. Es ist ein absolutes Unding, das auf eine Schreibblockade zu reduzieren. Das aller Einfachste ist für mich zu arbeiten. Ich habe viel größere Schwierigkeiten damit am Leben zu bleiben.“

Hört man „Kind“, entsteht jedenfalls ein durchaus positives Bild - von der Musik, von den sehr persönlichen Texten, von der Künstlerin selbst. „Ich hatte diese Vision, und Gott sei Dank ist sie aufgegangen“, schmunzelt Dillon. „Oft verstehe ich es auch nicht wirklich. Dann bin ich wie ein Körper, der das vermittelt, und irgendetwas schickt mir diese Impulse.“ Aktuell stellt sie „Kind“ live vor. Im Rahmen ihrer Frühjahrstour wird Dillon am 10. März in Graz zu erleben sein.

(Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA)

(S E R V I C E - http://dillonzky.com)


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