Tablettensucht: Tiroler Studentin schickte Brief aus Entzugshölle

Eine Studentin berichtet, wie sie in die Benzodiazepin-Sucht geschlittert ist und fordert mehr Aufklärung über diese Beruhigungsmittel. Ärzte sprechen von einem großen Abhängigkeitsproblem und viel Unwissen.

  • Artikel
  • Diskussion
Tablette war gestern: Pharma-Unternehmen lassen aktuell an Produkten basteln, die eher mit Tablets zu tun haben.
© iStockphoto

Innsbruck –Unlängst hat ein E-Mail die TT-Redaktion erreicht, in dem eine 20-jährige Studentin (Name d. Red. bekannt) über den steinigen Weg aus der Medikamentensucht berichtet. Mit ihrer Geschichte will die junge Frau aufrütteln.

„Vor allem möchte ich, dass weitere Menschen von dem, was ich jetzt schon seit über einem Jahr durchmache, verschont bleiben“, schrieb sie. Bei einem Telefonat wird klar: Nach einem „kalten, harten, unausstehlichen Entzug“ ist für die Tirolerin der Albtraum noch nicht zu Ende.

Begonnen hat dieser mit einer Panikattacke vor eineinhalb Jahren. Auslöser dafür waren private Sorgen und Stress in Uni und Arbeit. Die damals 19-Jährige machte, was jeder in der Situation tun sollte: Sie ging zum Hausarzt.

Dieser teilte sich die Ordination mit einer Psychiaterin. „Sie sagte, ich müsse Ruhe finden und gab mir deshalb ein Benzodiazepin, das ich morgens, mittags, abends und wann immer ich es bräuchte nehmen könne, bis zu acht Tabletten täglich“, schildert die Tirolerin. Bereits nach einem Monat habe sie festgestellt, dass sie süchtig nach dem chemischen Panikkiller geworden war. „Wenn ich in der Früh die Tabletten genommen habe, ist das Angstgefühl zu Mittag wieder hochgekommen und viel stärker als davor. Die Ärztin bestand darauf, dass ich die Dosis erhöhe.“

„Die Abhängigkeit von Benzodiazepinen ist ein großes Problem mit einer hohen Dunkelziffer“, sagt Alex Hofer (interim. Direktor, Psychiatrie I).
© MUI

Schon bald sei im Umfeld aufgefallen, dass aus der unternehmungslustigen Jugendlichen eine verschlossene Frau geworden war. Sie zog sich zurück, war lust- und emotionslos, apathisch, habe nur noch „funktioniert“. Freunde wandten sich genervt ab, die Mutter „war total fertig und wusste nicht, was sie tun sollte“.

Schließlich schwor sie nach mehreren Absetzversuchen und insgesamt viereinhalb Monaten Einnahmedauer den Medikamenten ab. Sie machte den Entzug ohne medizinischen Beistand. „Ich konnte nicht mehr reden, ich konnte nicht mehr schlafen, hatte Muskelkrämpfe, habe erbrochen und hatte Schaum vorm Mund“, berichtet sie. Das Bett habe sie tagelang nicht verlassen, 15 kg abgenommen.

Mit dem ersten Tag, an dem sie keine Tabletten mehr schluckte, sei zudem die rechte Gesichtshälfte eingeschlafen und das Gefühl bis heute nicht zurückgekehrt. Die Sehkraft ihres rechten Auges habe sich massiv verschlechtert. Bis vor Kurzem konnte sie nicht länger als vier Stunden schlafen. Ihr ganzer Körper fühle sich wie ein einziger Muskelkater an. Nur langsam, aber stetig bessere sich ihr Zustand. „Ich war vielleicht etwas naiv. Ich empfehle jedem, sich genau zu informieren und eine zweite Meinung einzuholen, bevor er so etwas einnimmt“, rät die Studentin.

„Die Abhängigkeit von Benzodiazepinen ist ein großes Problem mit einer hohen Dunkelziffer“, bestätigt Alex Hofer, interimistischer Direktor der Universitätsklinik für Psychiatrie I in Innsbruck. In Österreich gehe man von 190.000 Menschen mit schädlichem Medikamentenkonsum aus. 80 Prozent davon betreffen Benzodiazepine. „Bemerkenswert ist, dass vor allem Frauen betroffen sind“, sagt der Experte. Grundsätzlich brauche es viel mehr Information über Benzodiazepine. Die Menschen müssten besser darüber Bescheid wissen. „Es ist daher sehr begrüßenswert, dass sich die Studentin dafür starkmacht“, so Hofer, dem das Schreiben der TT-Leserin vorliegt. „Es scheint bei dieser Frau wirklich nicht gut gelaufen zu sein“, sagt er.

„Problematisch wird es, wenn über mehrere Wochen täglich Tabletten eingenommen werden“, sagt Barbara Sperner-Unterweger (Direktorin, Psychiatrie II).
© MUI

Denn auch wenn Benzodia­zepine vorübergehend zur Behandlung von Angststörungen wie Panikattacken –„aber nicht bei Prüfungsangst!“ – eingesetzt werden dürften, müsse parallel eine Psychotherapie erfolgen.

Überraschend für ihn ist, dass die Entzugserscheinungen bei der Patientin noch immer anhalten. „Es ist bekannt, dass die Symptome bis zu ein Jahr oder noch länger anhalten können“, so Hofer. Viereinhalb Monate Einnahmezeit sei aber vergleichbar extrem kurz zur Dauer der Entzugssymptome. Man müsse genauer untersuchen, welche Symptome von der Grunderkrankung – der Angststörung – ausgingen und welche vom Entzug.

Hofers Kollegin Barbara Sperner-Unterweger (Direktorin, Psychiatrie II) betont, dass Benzodiazepine durchaus ihre Berechtigung haben, „wenn sie kurzfristig und punktuell verordnet werden“. Positive Einsatzgebiete seien etwa bei akuten Belastungen und Angst­reaktionen oder Überforderung infolge eines schlimmen Lebensereignisses, wie zum Beispiel ein Todesfall.

„Auch bei Schlafstörungen ist eine punktuelle Einnahme in Ordnung, problematisch wird es, wenn über mehrere Wochen täglich Tabletten eingenommen werden, auch wenn es nur eine halbe ist.“ Gerade bei älteren Menschen sei die Sturzgefahr unter Einfluss von Benzodiazepinen erheblich. Je länger die Medikamente eingenommen würden, desto schwerer falle der Entzug, der mehrere Wochen dauern kann.

Dieser solle keinesfalls „kalt“ erfolgen, sondern medizinisch begleitet werden, ambulant oder stationär. Denn „der Entzug ist eine große psychische und körperliche Belastung und Herausforderung.“ Ermutigend ist: „Bei Menschen, die einen Benzodiazepin-Entzug machen, ist das Problembewusstsein meistens sehr hoch und die Rückfallrate daher eher gering“, sagt Sperner-Unterweger.


Kommentieren


Schlagworte