Die Schleckers haben gepokert und verloren

Stuttgart (APA/AFP) - Weniger als eine Minute liegt beim Schlecker-Prozess zwischen einem entrüsteten „Nein“ und einem triumphierenden „Ja!“...

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Stuttgart (APA/AFP) - Weniger als eine Minute liegt beim Schlecker-Prozess zwischen einem entrüsteten „Nein“ und einem triumphierenden „Ja!“. Für die ehemaligen Angestellten der Drogeriekette im Publikum war die Verkündigung der Strafen für Anton Schlecker und seine beiden Kinder Lars und Meike am Montag eine Achterbahn der Gefühle.

Denn während der ehemalige Patriarch mit zwei Jahren Bewährung gerade noch so am Gefängnis vorbeischrammt, bekommen seine Kinder jeweils mehr als zweieinhalb Jahre Haft aufgebrummt. Anton Schlecker nimmt die Urteile vor dem Landgericht Stuttgart mit einem Pokerface zur Kenntnis. Anders seine Tochter Meike. Immer wieder wischt sie sich Tränen von den Wangen. Immer wieder schüttelt sie den Kopf, als könne sie nicht glauben, was der Vorsitzende Richter Roderich Martis da vorträgt.

Seit 2009 hat die Familie Schlecker laut dem Richter Vorbereitungen getroffen für eine Pleite ihres Drogerie-Imperiums. Anton Schlecker hat deutlich überzogene Stundensätze an die Logistikfirma seiner Kinder gezahlt - faktisch ein Tochterunternehmen. Die Kinder haben sich Millionen als Gewinnvorschuss auszahlen lassen, obwohl der Mutterkonzern seit Jahren keine Gewinne mehr machte und nur noch von der Substanz zehrte.

Der Patriarch hat seine Villa und den Tennisplatz im baden-württembergischen Ehingen an seine Frau Christa übertragen. Er hat die steuerlichen Schenkungsgrenzen in Höhe von 200.000 Euro für jeden seiner Enkel ausgenutzt, seinen Kindern einen Karibikurlaub und eine Luxus-Renovierung der Wohnung finanziert.

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Das hätte man als Privatsache abtun können - hätte Anton Schlecker nicht an einer speziellen Rechtsform für sein Unternehmen festgehalten: Als eingetragener Kaufmann hatte er die volle Kontrolle über sein Imperium - er haftete aber auch mit seinem kompletten Privatvermögen. Seine reich beschenkte Frau dank Gütertrennung aber nicht. Das Gericht hält ihm bei der Urteilsbegründung zugute, „dass er sein Vermögen immerhin nicht ins Ausland verschafft hat“.

Richter Martis bemüht sich in seinem fast dreistündigen Monolog um den Eindruck, dass er keine andere Wahl hatte, als die Kinder ins Gefängnis zu schicken. Schließlich haben sie wenige Tage vor dem Insolvenzantrag in einem dubiosen Deal noch einmal sieben Millionen Euro beiseitegeschafft. Bei ihren Strafen blieb Martis eng an den Forderungen der Staatsanwaltschaft - beim 73-jährigen Anton Schlecker zeigte er sich angesichts des Alters milde.

Mehr als drei Dutzend Verhandlungstage und 200 Stunden Beweisaufnahme liegen hinter den Prozessbeteiligten. Seit März rangen sie um die Frage, ab wann die Schleckers wirklich wussten, dass ihr Konzern nicht mehr zu retten war. Erst ab da war das Abzweigen des Geldes nämlich illegal. Die Verteidiger hatten noch in der letzten Sitzung betont, dass Anton Schlecker nie die Hoffnung verloren habe.

Martis vergleicht das mit Glücksspiel: „Beim Lotto beträgt die Gewinnchance eins zu 140 Millionen, im Casino eins zu 37. Und trotz dieser miesen Gewinnchancen investieren Manche hoffnungsvoll viel Geld.“ Schlecker habe weitergemacht, obwohl er wusste, dass er dabei war zu verlieren. Spätestens Anfang Februar 2011 musste ihm laut Gericht klar gewesen sein, dass die Chance einer Zahlungsunfähigkeit mehr als 50 Prozent betrug. Dennoch hat er bis Jänner 2012 mit der Insolvenz gewartet. Die Folge: 25.000 Angestellte verloren ihre Jobs.

Auch vor dem Landgericht haben die Schleckers gepokert. Nachdem sie 2013 bereits einmal zehn Millionen Euro als Wiedergutmachung an den Insolvenzverwalter zahlten, schossen sie Anfang November nochmal vier Millionen nach - wohl in der Hoffnung auf Bewährungsstrafen für alle. Doch auch diese Wette haben sie verloren.


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