Das Gegenüber an der Tafel

Lehrer müssen Wissen vermitteln. Mit ihrem Verhalten entscheiden sie aber auch, ob die Kinder an der Schule bleiben. Vor allem bei Schülern aus schwierigen Verhältnissen.

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Unterstützung in der Schule: Für Schüler können schon kleine Hilfestellungen wichtige Signale für ihre weitere Karriere sein.
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Von Philipp Schwartze

Innsbruck — Auf Klassentreffen sind sie in aller Munde. „Weißt du noch, der hat dich damals bevorzugt", oder aber auch „Der hat mich nie gemocht". Die Rede ist von Lehrern. Das Verhältnis zwischen ihnen und den Schülern ist ambivalent, aber in Erinnerung bleiben sie einem dennoch oft. Kein Zweifel also: Lehrer spielen eine prägende Rolle, sie können über die Karrieren ihrer Schüler mitentscheiden. Nicht (nur) durch Noten, sondern durch ihr Verhalten gegenüber den Schülern, wie zwei Studien des Instituts für LehrerInnenbildung und Schulforschung der Universität Innsbruck jetzt zeigen.

„Die Lehrer haben nicht nur die Aufgabe, Wissen zu vermitteln", sagt Cathrin Reisenauer. „Kinder und Jugendliche entwickeln sich durch Beziehungen zu anderen Menschen und dabei stellen Lehrer ein wichtiges Gegenüber für ihre Schüler dar." Reisenauer hat zusammen mit ihrer Kollegin Nadine Ulseß-Schurda für eine Studie Tirols Schüler zu ihren Schlüsselerlebnissen mit Lehrern — positiv oder negativ — interviewt. Zusammen mit der Studie von Sabine Gerhartz-Reiter vom gleichen Institut haben die Pädagoginnen die Auswirkung von Lehrern auf die Entwicklung und die Bildungskarriere der Kinder und Jugendlichen untersucht.

Ausgangspunkt waren für Gerhartz-Reiter dabei zwei Fragen: Wieso brechen einerseits Schüler mit idealen Vorraussetzungen, also z. B. mit guter Unterstützung im Elternhaus, die Schule ab? Und wieso schaffen es andererseits Jugendliche, trotz aller Widrigkeiten und aus schwierigen Verhältnissen, nach oben? Sie wählte dabei nicht die Perspektive aus Lehrer- oder Elternsicht, sondern befragte die Schüler. „Für den Bereich des Bildungserfolgs gab es derartiges nicht aus Schülerperspektive", erklärt sie.

Das Ergebnis: Aspekte wie Alter und Geschlecht der Schüler spielen bei der Deutung des Lehrerverhaltens keine ausschlaggebende Rolle, sondern welche Ziele der Schüler hat und wie sein Lehrer daraufhin handelt. Manche Schüler in den Interviews sehen ihre Lehrer als ausschlaggebend für ihren Erfolg, weil die Interesse an der Entwicklung der Schüler zeigen. Sie unterstützen etwa bei der Suche nach Lehrstellen oder ermutigen trotz schlechter Leistungen. Die Schüler bleiben dann in der Schule, schaffen teils sogar einen Bildungsaufstieg.

Was denken Tirols Schüler über ihre Lehrer?

Die folgenden Zitate stammen aus zwei Innsbrucker Studien. Schüler berichten über guten und schlechten Umgang. Einige Lehrbeispiele:

  • „Die Lehrer haben eigentlich nie irgendwas gesagt, wegen Entschuldigungen oder Anrufen. Bin dann gar nicht mehr hingegangen."
  • „In den höheren Schulen, wo es um Matura und nur noch um Leis­tung geht, da gibt es oft die Anerkennung gar nicht mehr."
  • „Die Lehrer kommen hinein, ziehen ihren Stoff durch und gehen dann wieder. Da kann einer drinnen hocken, der nur Einser schreibt, und der kriegt dann nicht mehr Anerkennung als jemand, der das halbe Jahr nicht kommt."
  • „Sie (Lehrerin) war immer bedacht darauf zu schauen, ist es uns nicht zu viel, kann sie uns irgendwo unterstützen."
  • „Einige Lehrer, zentrale Personen meines Lebens, fördern mich, so gut es geht, und geben mir auch Hinweise."
  • „Wenn die Lehrer einen nicht gar so motivieren, kann es sein, dass man nicht studiert oder nicht auf eine höhere Schule wechselt."
  • „Bei jeder Prüfung, bei der ich schlecht war, sagte sie mit Absicht vor der ganzen Klasse: ,Du bist ein schlampiger, fauler, unzuverlässiger Schüler!' Das hat mich immer sehr getroffen."

Andererseits gibt es Fälle wiederholten Schulschwänzens, das vom Lehrer nicht thematisiert wird, was schließlich zum Schulabbruch führt. „Fehlendes Handeln wird hier zum Risiko für die Bildungskarriere der Schüler, da es als Zeichen von Desinteresse gedeutet wird", kommentiert Gerhartz-Reiter. Auch das Durchziehen des Lehrstoffs unabhängig davon, wie viele Schüler ihn verstehen, fällt den Schülern negativ auf.

Ulseß-Schurda und Reisenauer haben in ihrer Studie aus rund 220 Schüler-Erinnerungen an Lehrer-Schlüsselerlebnisse sieben Praktiken herausgefiltert, mit denen Lehrer Einfluss auf die Schüler nehmen. Diese reichen vom Wahrnehmen der Bedürfnisse und Ängste der Schüler über positive Rückmeldungen und Vertrauen bis zum persönlichen Ansprechen. Wichtig sei dabei, nicht Schüler dort abzuholen, wo sie gerade sind, sondern dorthin zu begleiten, wo sie noch nicht sind, sich aber hinbewegen können.

„Für uns war es wichtig, die Schülerinnen und Schüler selbst zu Wort kommen zu lassen", sagt Ulseß-Schurda. „Unabhängig davon, ob die Lehrenden sich dessen bewusst sind oder nicht, wirken sie mit all ihren Handlungen auf ihre Schüler ein." Gerade an ersten Schultagen, bei Schularbeiten-Rückgabe, vor Referaten oder bei besonderen Vorkommnissen sei das Lehrer-Verhalten umso wichtiger. „Es geht um die kleinen Dinge, an die Schüler sich aber auch nach Jahren noch erinnern." Die Ergebnisse aus den Studien werden in der Lehreraus- und -weiterbildung verwendet, damit Studierende sich des großes Potenzials, aber auch des Risikos ihres Handelns in der Schule bewusst werden. Lähmen soll das Wissen um die eigene Wirkung die Lehrer aber nicht. Auch sie sind Menschen, besonders wichtige für ihre Schüler.

Es heißt also nicht, wie in Pink Floyds „Another Brick in the Wall": „Teachers leave those kids alone" (Lehrer, lasst die Schüler in Ruhe). Auch, wenn diese Kritik am autoritären Schulsystem der Nachkriegszeit richtig gewesen sein mag, heute gilt: aufmerksam die Schüler wahrnehmen und auch nachfragen. Denn nicht alles kommt so beim Schüler an, wie der Lehrer es — auch positiv — meinte.


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