Der gelernte Bäcker mit dem Benzin im Blut

Hinter den funkelnden Chromauspuffen der historischen Bikes im Motorradmuseum Obergurgl steht der „Fanat“ Wolfgang Brandtner.

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Das liebste Spielzeug von Wolfgang Brandtner: Motorräder. Er haucht den historischen Gefährten wieder neues Leben ein.
© Daum

Von Hubert Daum

Nassereith, Obergurgl –Journalisten aus aller Welt lockt­e es im April letzten Jahres nach Obergurgl. Sie trugen die Kunde der Eröffnung des „höchstgelegenen Motorradmuseums Europas“ auf 2175 Metern Seehöhe an der Timmelsjoch-Hochalpenstraße, eingebettet in den neu errichteten Top Mountain Cross Point, in die Welt. Und die Biker kamen in Scharen, um sich die 230 historischen Exponate auf einer Fläche von 2000 Quadratmetern anzusehen. „Wir konnten heuer rund 30.000 Besucher begrüßen“, freut sich Betreiber Alban Scheiber, „Anfang dieser Woche haben wir zusätzlich eine Sonderausstellung historischer Schneefahrzeuge eröffnet. Zu sehen sind alte Pistenfahrzeuge, Ski-Doos und auch Motorräder.“

Poliert, protzig mit funkelnden Chromteilen, präsentieren sie sich auf der Museumsfläche, die Oldtimer-Bikes aus aller Welt, sortiert nach Nationen, Typen und Baujahr. Dass diese Show eine riesige Vorgeschichte hat, ist klar. Was kaum jemand weiß: Eine der wichtigsten Personen des Museumsaufbaues heißt Wolfgang Brandtner und wohnt in Nassereith. „Ich bin gelernter Bäcker und habe wahrscheinlich von meinem Vater das Benzin im Blut vererbt bekommen“, verrät der Autodidakt, „vormittags in der Backstube, nachmittags unter dem Auto oder Moped. Ich bin auf die Welt gekommen, um genau das zu machen. Ich sehe meinen Beruf als Berufung.“ Diese Ausstrahlung werden die Unternehmerzwillinge Scheiber wohl gespürt haben, als sie 2011 Brandtner einstellten, um als Mechaniker und Mit­organisator am Aufbauprozess bedeutend mitzuwirken.

Alban Scheiber präsentiert in der neuen Sonderausstellung historische Schneefahrzeuge wie diese ausgediente Pistenraupe.
© TMCP

Das Ziel war, möglichst seltene, historisch wertvolle Motorräder aus aller Welt für das Museum zu suchen. Brandtner: „Nun musste ich mir ein internationales Netzwerk zum bereits bestehenden aufbauen. Die Suche war sehr aufwändig und oft mühsam. Um zu beurteilen, ob ein Exponat interessant ist, musste ich mir viel Fachwissen aneignen und habe natürlich dabei immens viel gelernt.“ Während sich ein Kollege um die Bikes in Übersee kümmerte, bearbeitete Brandtner den europäischen Markt. Führten die Recherchen zu einem interessanten Ausstellungsstück, begann erst die Kernarbeit: „Über das Internet darfst du nichts kaufen, du musst das Stück sehen.“ So spulte der „Scout“ mit seinem Anhänger nun Zehntausende Kilometer ab, die ihn nach Deutschland, Frankreich, Schweiz Belgie­n, Tschechien oder Ungarn führten. „Eine der aufwändigsten Reisen war jene über Belgien nach Frankreich, um gemeinsam mit Attila Scheiber ein Auto anzusehen. Über Deutschland reisten wir wieder nach Hause, ohne Oldtimer. Wir waren 16 Stunden unterwegs.“

Die internationale Suche nach Exponaten ist nur der erste Teil der Aufgabe des „Bike-Gurus“, wie ihn seine Freunde nennen. Ist ein Stück gekauft, geht es darum, „das Motorrad zum Leben zu erwecken“. Mehr als die Hälfte sei reparatur- oder wartungsbedürftig. „Das ist meine Leidenschaft, jedes Stück ist für mich eine Herausforderung“, sagt der gebürtige Imster mit pedantischer Liebe zum Detail. „Reparieren, konservieren, katalogisieren sind meine Aufgaben.“ Jedes Ausstellungsstück sei peinlich genau erfasst, auch für die Versicherung. Den Bikes wieder Leben einzuhauchen ist das eine, am Leben zu erhalten das andere: Jedes Stück muss einmal jährlich gewartet werden, denn rund zwei Drittel der Exponate sind fahrtüchtig und sollen es auch bleiben. Ab und zu setzt sich der „Wolfi“ auch selbst zu einer Spritzfahrt auf den Sattel. Als Belohnung und Erholung sozusagen, denn Urlaub kennt der Enthusiast keinen: „Ich bin 365 Tage für meine Maschinen da und werde dies bis zur Pension auch bleiben, sofern ich gesund bleibe.“


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