Deutsche-Bank-Aufsichtsratschef: Brexit Katalysator für Europa

Wien/Frankfurt/London (APA) - „Der Brexit ist wirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch eine Katastrophe. Aber er ist wie die derzeitig...

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Wien/Frankfurt/London (APA) - „Der Brexit ist wirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch eine Katastrophe. Aber er ist wie die derzeitige US-Regierung auch ein Katalysator für ein geeintes Europa. Den Europäern ist klargeworden, dass sie selber für ihre Zukunft verantwortlich sind. Auflösungserscheinungen sehe ich nicht“, sagte Paul Achleitner, Aufsichtsratschef der Deutsche Bank, im Gespräch mit dem „Standard“.

Für den Finanzsektor werde Frankfurt nach dem Brexit zwar „natürlich“ zusätzliche Aufgaben übernehmen, aber New York werde größter Nutznießer einer abnehmenden Bedeutung der City of London sein. Denn die Banken müssten angesichts der rasanten Digitalisierung ihre Strukturen neu aufstellen und würden viele Tätigkeiten, die genauso gut aus dem USA heraus geführt werden können, sofort nach New York verlagern - dorthin, wo die betroffenen Menschen auch leben wollen.

Dieses Prinzip ist aus Achleitners Sicht eine große Chance Europas in der weltweiten Digitalisierung. „Digitalisierung heißt ja eigentlich im Grunde genommen, dass Arbeit dorthin verlagert wird, wo die Menschen leben, weil Arbeit immer weniger an Orte gebunden ist. Lebensqualität wird somit zu einem wesentlichen wirtschaftlichen Standortfaktor. Und die Lebensqualität und die sozialen Sicherungsnetze sind in Europa gut. Sie sind besser geeignet, um mit den Veränderungen umzugehen. Bei uns fällt niemand einfach ins Nichts. Das sind andere Voraussetzungen als in Asien oder den USA“, so Achleitner. Die Chance könne aber nur ein geeintes Europa, eine geeinte Eurozone ohne „Kleinstaaterei“ ergreifen.

Achleitner plädierte im „Standard“ dafür, dass Europa mit eigenen Instituten im Kräftemessen des internationalen Kapitalmarktes dabei ist. Amerika setze auf „America First“, die Chinesen machten „aus ihren eigenen Interessen keinen Hehl“, das könne Europa nicht egal sein. „Ich rede keinem falsch verstandenen Nationalismus das Wort, im Gegenteil. Die Frage ist, ob wir die gleiche Situation haben wollen wie in der Internetwirtschaft: Da sitzt kein Europäer mit am Tisch. Das hätte ich am Kapitalmarkt ungern.“

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Zweifel am größten Aktionär, dem chinesischen Mischkonzern HNA, hat Achleitner nicht. „Jeder langfristig orientierte Investor, der Aktien der Deutschen Bank auf dem Markt kauft, ist uns willkommen. Es obliegt weder dem Management noch dem Aufsichtsrat, sich Aktionäre auszusuchen oder deren Beweggründe zu hinterfragen.“ Absprachen zwischen HNA und Katar habe es nicht gegeben, das hätten die verantwortlichen Regulatoren festgestellt. Auch dass BAWAG-Großaktionär Cerberus ein Aktienpaket der Deutschen Bank erworben hat, beeinflusse die Strategie der Bank nicht.

„Wir sind in Österreich erfolgreich und zufrieden. Selbstverständlich wollen wir mehr machen, wer will das nicht“, so Achleitner. Bezüglich eines Engagements in Österreich winkt der Oberösterreicher Achleitner eher ab. „Ich bin mit meinen gegenwärtigen Mandaten gut ausgelastet“, sagte er auf eine entsprechende „Standard“-Frage. Achleitner war von 2000 bis 2004 Aufsichtsrat der damaligen Staatsholding ÖIAG.

~ ISIN DE0005140008 WEB https://www.deutsche-bank.de/index.htm ~ APA114 2017-11-29/09:56


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