„Lady Macbeth“: Die Kälte in englischen Gutshäusern

In „Lady Macbeth“ spielt die virtuose Florence Pugh eine junge Frau, die mit Gewalt auf die Vereisung der Gefühle reagiert.

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© POlyfilm

Innsbruck –Ohne den Schleier der Braut würde niemand auf die Idee kommen, Zeuge einer Hochzeit zu sein. Kein fröhliches Gesicht ist zu entdecken, nur mit Mühe ist der Bräutigam auszumachen. Während die älteren Herren Wein schlürfen, führt die Dienerin Anna (Naomi Ackie) ihre neue Herrin in das Schlafzimmer, um für die Hochzeitsnacht den Schleier zu lüften, das Mieder aufzuschnüren. Über Katherine (Florence Pugh) wird ein leinenes Nachthemd geworfen. Fröstelnd hat sie die Ankunft ihres Ehemannes zu erwarten. Alexander (Paul Hilton) erkundigt sich immerhin nach ihrem Befinden, bevor es ihn nach der Betrachtung des nackten Körpers verlangt. Katherine muss diesen Körper mit dem Gesicht zur Wand in die Zimmerecke stellen und sich die schmatzenden Geräusche ihres masturbierenden Mannes anhören. Alexander zeigt auch im Ehealltag weder erotisches noch menschliches Interesse. Mit besonderer Verachtung begegnet dem Mädchen der Schwiegervater Boris (Christopher Fairbank), der Katherine als „Zugabe bei einem Grundstücksgeschäft“ erworben hat und sich einen Erben für die nur aus zwei verbitterten Männern bestehende Dynastie von Minenbesitzern erwarten darf. Dazu wird es nicht kommen.

Der Engländer William Oldroyd ist ein auf allen großen Bühnen zwischen London, München und Tokio gern gesehener Gastregisseur. Für sein Kinodebüt ließ er von der Theaterautorin Alice Birch Nikolai Leskovs Erzählung „Lady Macbeth von Mzensk“ bearbeiten und vom zaristischen Russland ins viktorianische England übertragen, wobei sich die gesellschaftlichen Bedingungen für Frauen nicht grundsätzlich verbessern. Mit der Übersiedlung Katherines von Tuskar ins englische Hochmoor ist aber kein Zugang in die Welt von Thomas Hardy oder dem Schauerroman „Cousine Rachel“ von Daphne du Maurier verbunden, denn Oldroyd verweigert den Trost von Schafen in opulenten Landschaftspanoramen, wie sie in den einschlägigen Verfilmungen geboten werden.

Katherine ist zwar der Armut entkommen, dafür aber in einem Verlies gelandet. Die Vorstellung, ein Leben zu verbringen, in dem Unterwerfungsgesten die einzige Abwechslung zur Langeweile darstellen, treibt sie an den Rand des Wahnsinns. Als sie den Landarbeiter Sebastian (Cosmo Jarvis) bei einem ihrer verbotenen Ausflüge trifft, glaubt sie den Schlüssel gefunden zu haben, mit dem sie sich gleichermaßen aus Tristesse und Gefängnis befreien kann. Wenn Regisseure sagen, sie hätten ihren ersten Film geträumt, dann ist „Lady Macbeth“ der Albtraum eines vollkommenen, verstörenden Films. (p. a.)


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