Missbrauchsvorwürfe - Psychologin: Sexualisierte Gewalt nicht alleine

Wien (APA) - Die öffentliche Debatte dreht sich aktuell um sexualisierte Gewalt und Missbrauch, doch „man weiß auch, dass die sexualisierte ...

  • Artikel
  • Diskussion

Wien (APA) - Die öffentliche Debatte dreht sich aktuell um sexualisierte Gewalt und Missbrauch, doch „man weiß auch, dass die sexualisierte Gewalt nicht für sich alleine steht, sondern in Kombination mit physischer und psychischer Gewalt einhergeht“, stellt Andrea Engleder, Sportpsychologin und Referentin für die Initiative „100% Sport“, am Mittwoch am Rande einer Pressekonferenz gegenüber der APA fest.

Für Engleder ist das ein Thema, das noch nicht stark angesprochen wird. „Da geht es etwa um demütigende und entwertende Kommunikation untereinander“, nennt die Expertin als Beispiel. Und überall da, wo Grenzüberschreitungen dieser Art geduldet werden, ist auch der Boden für die sexualisierte Grenzüberschreitungen gelegt. Gleichzeitig bedeutet Leistungssport aber auch, an seine eigenen Grenzen zu gehen. „Ja, aber ohne, dass die psychische Integrität der Person verletzt wird. Über Grenzen zu gehen, ist oft das Ziel der Athleten“, dies sei etwa für die Leistungssteigerung wichtig. „Der kritische Punkt ist da erreicht, wo die innere Integrität so massiv verletzt wird, dass man im schlimmsten Fall das Gespür für sich selbst verliert.“

Die Eigenschaften, die im Sport weiterbringen, sind Disziplin, Zielorientiertheit, das Dranbleiben an etwas, und oft auch unangenehme Seiten, wie körperliche Belastungen zu ertragen, weil das Training einfach intensiv ist: „Man nimmt es in Kauf, man steckt auch viel zurück. Gerade im Leistungssport, bei dem man auf das Ziel, das man erreichen will, fokussiert - und alles andere, was vielleicht sonst noch im Leben wichtig wäre, zurücksteckt.“

Kommt es unter solchen Voraussetzungen zu sexualisierter Gewalt, dann kann sich als Reaktion darauf ein Denken in der Richtung „Ich will diesen großen Traum nicht platzen lassen“ einstellen, erläutert Engleder. Das eigene Gefühl werde dann gar nicht mehr abgefragt, denn würde man sich die Frage stellen, ob das in Ordnung war oder nicht, dann würde das ganze Kartenhaus zusammenfallen: „Denn dann müsste ich eigentlich aus dem Sport raus gehen. Und deshalb hält das so gut, und deshalb wird so wenig darüber gesprochen“, so die Expertin.

10x Wanderausrüstung zu gewinnen

TT-ePaper gratis ausprobieren, der Gratiszeitraum endet nach 4 Wochen automatisch.

Oft gebe es auch den Gedanken, „na ja, das ist ja gar nicht strafrechtlich relevant“, denn es geht um fortschreitende Grenzüberschreitungen subtiler Art, etwa mit unangemessenen Körperkontakt, „aber das alles sind schon Ausdrucksformen, die eine gewisse Atmosphäre unterstützen, in der es zu einem Übergriff kommen kann“, sagte Engleder. So etwas könne in der Täterarbeit eine Vorbereitungshandlung sein. „Etwa wenn ich nur eine leichte Berührung an intimen Stellen des Sportlers und der Sportlerin mache, wo das strafrechtlich noch gar nicht relevant ist, aber wo man sehen kann, wie die Person reagiert. Wo man abcheckt, was geht und was nicht. ‚Erstarrt die Person und hält das aus?‘“. Engleder gibt zu bedenken, dass es nicht nur das Bild „Türe auf - reingezehrt - eine Vergewaltigung - und Türe zu“ gibt, „das sind die ganz, ganz schrecklichen Fälle“.

In Österreich gibt es jedenfalls überhaupt keine Studien bezüglich Opferzahlen oder Opferstrukturen. „Wir können uns aktuell nur auf die deutsche ‚Safe Sport“-Studie beziehen, die 2016 publiziert wurde und bei der ersichtlich wurde, das jede dritte Kaderathletin von einem sexuellen Übergriff betroffen war. Das muss uns hellhörig machen“, findet die Expertin, denn „warum soll es in Österreich anders sein? Wir müssen von ähnlichen Taten ausgehen.“

In der aktuellen #MeToo-Debatte geht es jedenfalls oft um Jahre zurückliegende Fälle. Was muss noch geschehen, dass gegenwärtig Betroffene auf ihre Lage aufmerksam machen können? „Es muss für sie ganz klar sichtbar sein, was sie tun können. Was für Anlaufstellen, was für Personen es gibt, bei denen sie sich melden können, ohne sich gleich entscheiden zu müssen“, also ohne etwa, dass sofort der Verein oder den Verband mit ins Spiel gebracht wird. „Was man aber bedenken muss, wenn es zu einem Missbrauch kommt, ist der Umstand, dass wir eine geschickte Psyche haben“, führt die Psychologin aus. Das heiße, dass sie etwa Übergriffe bagatellisiere oder verleugne, „um unser psychisches Überleben zu gewährleisten“. Daher komme es, dass viele Dinge lange Zeit im Verdeckten bleiben, „und es erst einen Trigger braucht, etwa durch einen Medienfall, da kann es zehn, zwanzig Jahre später passieren, dass man wieder damit in Berührung kommt.“

(Das Gespräch führte Andreas Westphal/APA)


Kommentieren