Mehr HIV-Infektionen: Späte Diagnose als größte Gefahr

Eine HIV-Infektion ist heutzutage gut behandelbar – sofern man von ihr weiß. Mehr als die Hälfte der Neuinfektionen erfolgt durch Menschen, die nicht wissen, dass sie HIV-positiv sind.

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Im vergangenen Jahr wurde das Parlament in Wien anlässlich des Welt-Aids-Tages am 1. Dezember mit der "Red-Ribbon-Schleife" gschmückt. Sie gilt als Symbol der Solidarität mit HIV-Infizierten und AIDS-Kranken.
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Innsbruck – Dass eine HIV-Diagnose heutzutage kein Todesurteil mehr ist, scheint viele Menschen zu unüberlegten Handlungen zu verleiten. Anders sind die Zahlen nicht zu erklären, die das Europäische Zentrum für Krankheitskontrolle (ECDC) anlässlich des Welt-Aids-Tages am 1. Dezember veröffentlichte: Fast 30.000 Personen haben sich in der EU im Jahr 2016 mit dem HI-Virus angesteckt. In Österreich wurden laut Gesundheitsministerium immerhin 447 Neuinfektionen gemeldet. Das sind 19 mehr als im Jahr 2015.

Gut behandelbar, sofern man von Erkrankung weiß

Es scheint fast so, als hätte die Immunschwächekrankheit erneut an Bedrohlichkeit verloren – das hat sie jedoch nur teilweise. Tatsächlich ist es so, dass es in den vergangenen 20 Jahren große medizinische Fortschritte gegeben hat. Neue Therapie- und Behandlungsmöglichkeiten (und vor allem neue Medikamente) haben HIV von einer tödlichen zu einer chronischen Erkrankung gemacht, die durchaus kontrollierbar ist.

Wer allerdings nicht weiß, dass er betroffen ist, hat schlechte Karten. Laut ECDC ist einer von sieben Infizierten ahnungslos. Nur eine rechtzeitige Diagnose und eine entsprechende Behandlung machen aber ein langes und verhältnismäßig gutes Leben mit dem HI-Virus überhaupt möglich und verhindern den Ausbruch von Aids im Vollbild.

48 Prozent aller Diagnosen sind laut ECDC und Weltgesundheitsorganisation (WHO) sogenannte Spätdiagnosen – in Österreich werden etwa 40 Prozent der HIV-Diagnosen lange Zeit nach der Infektion gestellt. Bei Personen über 50 Jahren seien überhaupt 63 Prozent spätdiagnostiziert. Drei Jahre dauert es im Durchschnitt, bis jemand von seiner eigenen HIV-Infektion erfährt. Zeit, die über Erfolg und Misserfolg, im Extremfall über Leben und Tod, entscheiden kann.

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Laut Schätzungen leben in Österreich derzeit etwa 10.000 HIV-Infizierte.

Mehr Männer als Frauen betroffen

Die häufigste Übertragungsart von HIV ist nach wie vor Sex zwischen Männern. In den 31 Staaten des EU/EWR-Gebiets beruhen laut ECDC demnach 40 Prozent auf homosexuellen Kontakten unter Männern. 32 Prozent der Übertragungen erfolgen über heterosexuelle Kontakte. Vier Prozent der Infektionen entstanden durch die Nutzung gebrauchter Spritzen. Weniger als ein Prozent der Übertragungen erfolgt von der Mutter auf ihr Neugeborenes. Bei den restlichen Betroffenen bleibt der Ansteckungsweg im Dunkeln. In Österreich wurden 2016 außerdem vier Blutspenden positiv getestet. Überprüft worden waren insgesamt 400.102 Spenden.

Männer waren mit 8,9 Infektionen pro 100.000 Einwohner deutlich häufiger betroffen als Frauen mit 2,6 Infektionen pro 100.000 Einwohner. Im Schnitt gibt es in den 31 Ländern 5,9 Infektionen pro 100.000 Einwohner. Elf Prozent betrifft die Altersgruppe 15 bis 24 Jahre, 19 Prozent jene über 50 Jahren.

Das Parlament im Ausweichquartier in der Hofburg trug heuer am 1. Dezember zum achten Mal eine überdimensionale rote Schleife.
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In der WHO Europaregion wurden 160.453 Neuinfektionen registriert. Zu dieser Region gehören 53 Länder vom Atlantik bis zum Pazifik, darunter auch Russland und Turkmenistan. Das ist die höchste Zahl, die jemals festgestellt wurde, sagte WHO-Regionaldirektor Zsuzsanna Jakab. 48 Länder der WHO-Europaregion meldeten insgesamt 14.897 Menschen mit diagnostiziertem AIDS.

Kostenloser und anonymer Test bei der Aids-Hilfe Tirol

Seit 31 Jahren kämpft die Tiroler Aids-Hilfe (www.aidshilfe-tirol.at) für Aufklärung und Prävention. Allein im Vorjahr wurden 98 Workshops und Vorträge zu den Themen HIV/Aids und sexuelle Gesundheit an Tiroler Schulen und außerhalb gehalten. Der Bedarf an Hilfe und Information scheint zu wachsen: 1340 Mal beriet der Verein zwischen Jänner und Oktober 2017 telefonisch, 2886 persönliche Gespräche wurden geführt – das sind mehr als noch im Jahr zuvor.

641 Tiroler ließen sich heuer bei der Aids-Hilfe (kostenlos und anonym) auf HIV testen. Fällt ein Test positiv aus (das war heuer zwei Mal der Fall) stehen Ärzte, Therapeuten, Sozialarbeiter und Psychologen der Aids-Hilfe mit Rat und Tat zur Seite. (reh)

Begriffsklärung

HIV dient als Abkürzung für Humanes Immundefizienz- bzw. Menschliches Immunschwäche-Virus. Unbehandelt kommt es zu AIDS.

AIDS

steht für Acquired immunodeficiency syndrome - also „Erworbenes Immundefektsyndrom“. Im französischen Sprachraum wird es als SIDA bezeichnet. Vermehrt sich das HI-Virus unbehandelt im Körper, treten bestimmte Infektionen oder bösartige Tumoren auf und die Diagnose AIDS wird gestellt. Die Zeit, in der sich das Virus im Körper der Betroffenen vermehrt, ohne AIDS zu entwickeln, beträgt im Schnitt neun bis elf Jahre (bei manchen Patienten nur wenige Monate, bei anderen Jahrzehnte).

Übertragen

wird das HI-Virus durch Körperflüssigkeiten (Blut, Sperma, Vaginalsekret, Liquor und Muttermilch). Die Ansteckung erfolgt hauptsächlich durch ungeschützten Geschlechtsverkehr. Möglich ist auch eine Übertragung von Mutter auf Kind während der Schwangerschaft, eine Übertragung durch Bluttransfusionen und durch gebrauchte Nadeln/Kanülen.

Nicht übertragen

wird HIV über Speichel, Schweiß, Tränenflüssigkeit, Tröpfcheninfektion oder Insektenstiche. Kommt gesunde Haut mit virushaltiger Körperflüssigkeit in Kontakt, besteht kein Risiko. Körperkontakte im Alltag, die gemeinsame Nutzung von Geschirr oder sanitären Einrichtungen stellen kein Infektionsrisiko dar.

Laut Schätzungen

sind in Europa etwa 2,5 Millionen Menschen mit HIV infiziert. Seit Beginn der Epidemie infizierten sich rund 76,1 Millionen Menschen mit dem Virus, 35 Millionen Menschen verstarben bisher an den Folgen der Infektion.


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