Missbrauchsvorwürfe: Die Opfer wurden „nicht gehört“

Bei der Tiroler Hotline gingen vier Fälle von (sexueller) Gewalt in der Ski-Szene ein, der letzte liegt erst drei Jahre zurück. Nicola Werdenigg, die den Stein ins Rollen gebracht hatte, sagt am 5. Dezember aus.

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Das Ziel bei der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen im Skisport ist noch lange nicht erreicht. Derzeit stehen Land, Tiroler und Österreichischer Skiverband erst am Start.
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Von Flo Madl und Peter Nindler

Innsbruck — Bei der Opfer­stelle des Landes meldeten sich zuletzt vier weitere Personen, die über sexuelle Übergriffe aus ihrer Schulzeit im Schigymnasium Stams oder der Skihauptschule Neustift berichteten. Der älteste Fall ist 45 Jahre her, der jüngste gerade drei. Es geht um sexuelle Anzüglichkeiten in Gesprächen, psychische Gewalt, Machtrituale unter Schülern, allerdings auch um sexuellen Missbrauch. Jeweils zwei Meldungen betreffen Neustift und Stams.

Wie die Tiroler Tageszeitung gestern darüber hinaus in Erfahrung brachte, berichten die Opfer vornehmlich davon, bei den Verantwortlichen kein Gehör gefunden zu haben. Sie sind froh, dass ihnen jetzt endlich jemand glaubt. Etwas, das sich auch Nicola Werdenigg durchaus vorstellen könnte. „Es erscheint mir durchaus vorstellbar, dass die Betroffenen mit ihren Anliegen möglicherweise nicht durchdrangen." Die in Wien lebende Zillertalerin hatte die aktuelle Aufklärungswelle zum Thema sexueller Übergriffe im Skisport mit einem offenen Bekenntnis in der Tageszeitung Der Standard erst ins Rollen gebracht. Hauptanliegen der Betroffenen ist deshalb auch die Prävention.

Die 59-Jährige, Leiterin einer Kommunikationsagentur, galt in den 1970er-Jahren als großes Talent. Bekannt wurde sie durch den vierten Platz bei der Innsbrucker Olympia-Abfahrt von 1976, erst kürzlich erfuhr die Öffentlichkeit von ihrer Vergewaltigung durch einen Teamkollegen zwei Jahre zuvor. Als Motiv ihres Outings, das mittlerweile weite Kreise zieht und selbst die Staatsanwaltschaft zu einer Untersuchung veranlasste, meinte Werdenigg gestern gegenüber der TT: „Mir geht es nicht darum, den Österreichischen Skiverband oder den Skisport als solchen anzupatzen. Vielmehr habe ich ein System im Auge, in dem es um Machtausübung geht."

Details zu den von ihr erhobenen Vorwürfen werde sie am 5. Dezember bei einer Befragung durch das Landeskriminalamt Tirol nennen. Nicola Werdenigg, die sich mit ihrer Geschichte auf die 1970er-Jahre bezog, hatte zuletzt auch ein kürzer zurückliegendes Ereignis in den Raum gestellt. Auf die Frage, ob es vorbei sei, hieß es: „Ich glaube nicht, dass es vorbei ist. Ich kenne selbst einen Fall aus 2005, der sogar an die Mannschaftsführung (des ÖSV, Anm.) herangetragen wurde." Werdenigg sprach dabei den „Damenchef und einen noch höheren Funktionär" an.

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Gestern konkretisierte die Tirolerin gegenüber der Tiroler Tageszeitung, dass es sich dabei keineswegs wie von manchen vermutet um ein „Verhältnis auf Augenhöhe" gehandelt habe: „Überhaupt nicht, das zu erwähnen wäre lächerlich." Vielmehr stünde der Verdacht des sexuellen Übergriffs im Raum, was gleichfalls Gegenstand der Untersuchungen sein wird.

Tirols Sport und BSO reagieren

Auf die jüngst­e Aufklärungsoffensive zum Thema sexueller Missbrauch im Skisport reagierten auch das Präsidium des Tiroler Landessportrats, TiSport (Dachorganisation der Tiroler Sportfachverbände) sowie die Dachverbände ASVÖ, ASKÖ und Union. „Wir sind betroffen von den Schilderungen ehemaliger Sportlerinnen und Sportler und wollen sicherstellen, dass speziell die jungen Sportlerinnen und Sportler in unseren Vereinen sicher trainieren können", hieß es in einer grundsätzlichen Stellungnahme. Die Ministeriums-Initiative „100 % Sport — Für Respekt und Sicherheit — Gegen sexualisierte Übergriffe im Sport" soll künftig die rund 2500 Tiroler Sportvereine erreichen, eine Info-Veranstaltung zur Prävention und Sensibilisierung beitragen.

Auch die Österreichische Bundes-Sportorganisation (BSO) nahm die aktuelle Diskussion zum Anlass, weiter­e Maßnahmen zu forcieren. „Zum Zweck der Minimierung der Gefahren" sei ein 5-Punkte-­Programm ausgearbeitet worden. Dazu gehören „ein dichtes Netz an Vertrauens­personen zum Kinderschutz in allen Mitgliedsverbänden", externe Experten und die Berücksichtigung des Strafregisterauszugs bei Trainerbestellungen. Workshops oder die Implementierung von Notfallplänen ergänzen die Bemühungen.

Noch heuer sollen Gespräche mit Opferschutzeinrichtungen stattfinden, „um für alle Fälle aus dem Sport eine abgestimmte Vorgangsweise bei der Wahrung der Opfer­interessen und der Folgemaßnahmen zu diskutieren". (TT)


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