Der bedrohlich brüchige Boden des Seins

Mit „Das Haus der Mutter“ debütiert Joseph Zoderer als Dramatiker. In „Die Erfindung der Sehnsucht“ zeigt er sich als wunderbarer Lyriker.

  • Artikel
  • Diskussion
Lehr- und Wanderjahre: Zwischen 1958 und 1967 war Joseph Zoderer Zeitungsredakteur in Wien.Foto: Sammlung Joseph Zoderer

Von Joachim Leitner

Innsbruck –Die vielleicht treffendste Beschreibung von Joseph Zoderers Werk stammt von Peter Handke. Zoderer, so Handke 2009 bei einem Schriftstellertreffen in Bruneck, arbeite wie ein in Genauigkeit geübter Fleischhauer: Er löst aus, trägt mit scharfer Klinge Schicht um Schicht ab. Und beweist mit jedem Buch, auch mit jenen, die sich einer allzu einfachen Lesart verwehren, das dem vermeintlich Rohen große Kunstfertigkeit vo­rausgeht, führt vor, dass nichts einfach so ist – und zeigt, dass das, was ist, in seinem Sein auf bedrohlich brüchigem Boden steht.

Wenn der Südtiroler Autor seinen jüngsten Gedichtband mit „Die Erfindung der Sehnsucht“ überschreibt, steckt das poetische Programm bereits im Titel. Zoderers Gedichte lesen sich einfach. Auf den ersten Blick jedenfalls: Von Beobachtetem und am eigenen Leib Erfahrenen in Bewegung gesetzte Reflexionen, Selbst-, gelegentlich auch an ein Du gerichtete Zwiegesprächssplitter, zumeist nur wenige Zeilen lang, in freier Form, getaktet durch den Atem, den jedes Wort für sich beansprucht – und nicht vom Versmaß-Gängelband.

Auf den zweiten Blick hingegen – und alle Lyrik lebt vom zweiten Blick – werden die Momentaufnahmen brüchig: Die Bilder dunkeln nach, entwickeln eine abgründige Kraft, Gewissheiten weichen dem Zweifel und die Liebe, Zoderers großes Lebensthema, enttarnt sich nach und nach als Schmerzensstifter.

Gebrochen wird dieser existenzielle Ernst bisweilen von lakonischem Luftholen. Das Ich, das hier spricht, hat zu viele Leben gelebt, um vollends zu verzweifeln. Diese Abgebrühtheit mögen autobiografisch orientierte Exegeten als Altersmilde des inzwischen 82-jährigen Zoderer auslegen. Der wundersamen Wucht seiner Gedichte, die frei von Furor dahin gehen, wo es wehtut, schadet die Gelassenheit nicht. Im Gegenteil: Wenn das Ich am Ende des Bandes in – und eben nicht aus – einem „nie ausgeträumten Traum“ erwacht, ist es gerade die zurückhaltende Darstellung, die die Drastik der finalen Einsicht unterstreicht.

10x Wanderausrüstung zu gewinnen

TT-ePaper gratis ausprobieren, der Gratiszeitraum endet nach 4 Wochen automatisch.

Dass Joseph Zoderer nicht nur große Begriffe (Heimat, Schmerz, Fremdheit) auf ihren Bedeutungsreichtum abklopft, sondern auch sein eigenes Werk immer wieder neu befragt, führt indessen seine zweite Neuerscheinung dieses Herbstes vor Augen.

Als Anfang-30-Jähriger schrieb Zoderer die Erzählung „Das Haus der Mutter“. 2005 war sie Teil der Textsammlung „Der Himmel über Meran“. Nun nahm der Autor sie als Ausgangspunkt für seinen ersten selbstverfassten Theatertext – die Bühnenadaption seines bekanntesten Romans „Die Walsche“ besorgte vor beinahe acht Jahren Sabine Göttel.

Augenscheinlichster Unterschied zwischen Prosatext und Theaterstück ist die veränderte Perspektive, aus der erzählt wird: In der Erzählung zeichnet ein Sohn den Verfall seiner alternden, mit ihrem und um ihr Leben kämpfenden Mutter nach. Im Stück ist es die Mutter, die spricht. Diese Änderung ist mehr als ein dramatischer Kniff, denn sie macht aus der beinahe klinisch kühlen Studie generationenübergreifender Grausamkeit ein beklemmendes Kammer-in-der-Kammer-Spiel. Jede Nacht zimmert sich die Mutter einen Verschlag um ihr Bett – und droht im Abwehrkampf gegen Gedanken und Geschichten trotzdem vor die Hunde zu gehen.

Uraufgeführt wurde „Das Haus der Mutter“ im Oktober im Stadttheater Bruneck – danach war die Produktion mit Eleonore Bürcher in der Titelrolle in Meran und Bozen zu sehen. Auf Tirols Bühnen hingegen gilt es, den Dramatiker Zoderer noch zu entdecken.

Bereits vor gut zwei Jahren fand im Innsbrucker Brenner-Archiv ein internationales Symposium über das Werk des vielfach ausgezeichneten Autors statt. Auch die Erkenntnisse der Tagung liegen inzwischen in Buchform vor – und eröffnen die im Titel versprochenen „neuen Perspektiven“ durchaus. Wenn etwa Zoderers Weg ins Zentrum des deutschsprachigen Literaturbetriebs anhand seiner Korrespondenz mit Autoren und Verlegern erörtert wird. Oder seine Lehr- und Wanderjahre als Gerichtsreporter für Wiener Zeitungen und Amerika-Reisender nachvollzogen werden.

Zoderer selbst übrigens bereitet gerade mit dem Südtiroler Journalisten Georg Mair ein autobiografisches Buch vor. Es soll im Frühjahr 2019 erscheinen.

Monografie Sieglinde Klettenhammer/Erika Wimmer (Hrsg.): Joseph Zoderer. Neue Perspektiven auf sein Werk. Studienverlag, 350 Seiten, 39,90 Euro. Lyrik Joseph Zoderer: Die Erfindung der Sehnsucht. Haymon, 79 Seiten, 19,90 Euro. Drama/Erzählung Joseph Zoderer: Das Haus der Mutter. Haymon, 100 Seiten, 9,95 Euro. Ein Abend für und mit Joseph Zoderer. Mittwoch, 6. Dezember, Buchhandlung Haymon. Beginn: 19 Uhr.


Kommentieren


Schlagworte