Flüchtlinge - CARE: Tschad darf nicht vergessen werden

Wien/N‘Djamena (APA) - Fast die Hälfte der rund 40 Millionen Einwohner im Tschad leben unter der Armutsgrenze, 4,7 Millionen Menschen in dem...

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Wien/N‘Djamena (APA) - Fast die Hälfte der rund 40 Millionen Einwohner im Tschad leben unter der Armutsgrenze, 4,7 Millionen Menschen in dem zentralafrikanischen Land brauchen humanitäre Hilfe. Doch aus der internationalen Aufmerksamkeit ist die Region fast ganz verschwunden, klagt Ninja Taprogge, Mitarbeiterin der Hilfsorganisation CARE, am Donnerstag im Gespräch mit der APA.

Und auch wenn am Mittwoch und Donnerstag Dutzende Staats- und Regierungschefs aus Europa und Afrika beim EU-Afrika-Gipfel in Cote d‘Ivoire (Elfenbeinküste) über eine verstärkte Zusammenarbeit der Kontinente berieten, für Europa geht es hauptsächlich um eines: Die Migration nach Europa zu reduzieren. Der Tschad ist allerdings nicht das klassische Herkunftsland von Flüchtlingen in Europa.

„Für viele Menschen dort geht es um die Grundversorgung, einfach darum, genug Essen auf dem Teller zu haben. Sie denken nicht daran, weiter in den Norden zu flüchten“, sagt Taprogge über ihren Einsatz im Süden des Tschad. Sie selbst habe dort keinen einzigen Flüchtling getroffen, der vorhabe, nach Europa zu gehen, antwortet die Deutsche auf die Frage, ob sie den Tschad auch als Transitland für Flüchtende erlebt habe.

Umgeben von zahlreichen Konfliktregionen hat das Land knapp 500.000 Flüchtlinge aufgenommen. Im Süden allein leben derzeit 150.000 Geflüchtete, das sind aber vor allem Tschader, die 2014 nach Gewaltausbrüchen zwischen christlichen und muslimischen Milizen aus der Zentralafrikanischen Republik fliehen mussten. Für viele, mehr als die Hälfte, war das eigentlich eine Rückkehr in ihre Heimat, nachdem sie bereits 1984 wegen Gewalt aus dem Tschad fliehen mussten. „Die meisten von ihnen stehen eigentlich vor dem Nichts, nachdem sie ihre Existenz zweimal neu aufbauen mussten“, erzählt Taprogge.

Hinzu kommt, dass der Tschad ganz besonders stark vom Klimawandel betroffen ist. „Man glaubt, dass in einem tropischen Gebiet wie im Südtschad viel Gemüse und Früchte angebaut werden kann, doch das habe ich leider nicht gesehen“, so die CARE-Expertin. Der Boden ist nur wenig fruchtbar und besonders in der Regenzeit kommt es oft zu Überschwemmungen. Somit ist die Nahrungsmittelversorgung „ein riesengroßes Problem“. „Jedes zehnte Kind isst viel zu wenig“, betont Taprogge und erinnert daran, dass das auch große Auswirkungen auf die künftige Entwicklung von Gemeinden haben wird: „Jeder Tag, an dem ein Kind nicht genug zu essen hat, ist ein Tag weniger, an dem es die Gemeinde aktiv mitgestalten kann.“ CARE arbeitet deshalb im Süden des Tschads vor allem im Bereich Nahrungsmittelversorgung und Ernährungssicherheit, aber auch Familienplanung und Infrastruktur.

„Ich war wirklich sehr geschockt, von dem, was ich im Tschad gesehen habe“, so Taprogge. Laut UNO ist das Binnenland nach der Zentralafrikanischen Republik und dem Niger das am drittunterentwickeltste Land. Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt nur knapp 52 Jahre. „Es muss noch viel mehr getan werden. Es gibt zwar überall viele Krisen, aber der Tschad darf jetzt nicht vergessen werden“, appelliert Taprogge an die Teilnehmer des EU-Afrika-Gipfels.

(Das Interview führte Christina Schwaha/APA.)

(I N T E R N E T : https://www.care.de/nothilfe/kontinente/afrika/tschad/ )


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