Baby misshandelt: Sachverständige in Prozess in St. Pölten am Wort

St. Pölten (APA) - Mit der Erörterung der Sachverständigengutachten ist am Donnerstag am Landesgericht St. Pölten der Prozess um den Tod ein...

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St. Pölten (APA) - Mit der Erörterung der Sachverständigengutachten ist am Donnerstag am Landesgericht St. Pölten der Prozess um den Tod eines Babys fortgesetzt worden. Der dreieinhalb Monate alte Bub war im Februar an den Folgen einer schweren akuten Schädel-Hirn-Traumatisierung gestorben. Bei der Obduktion zeigten sich auch ältere Verletzungen - etwa an Armen und Beinen - sowie mehrere Rippenbrüche.

Laut dem gerichtsmedizinischen Sachverständigen Wolfgang Denk ist davon auszugehen, dass am 11. Februar „kräftig zugepackt“ und das Baby „heftig geschüttelt wurde“. Die Verletzungen seien auf „zumindest einmaliges Aufschlagen des Kopfes an einer harten Oberfläche“ zurückzuführen. Wahrscheinlich sei das in den Nachmittagsstunden passiert, genauer lässt sich der Zeitraum laut dem Gutachter nicht eingrenzen. Der Säugling kam am 11. Februar gegen 20.00 Uhr unter Reanimation ins Universitätsklinikum St. Pölten und wurde in Folge ins SMZ Ost nach Wien gebracht. Am 12. Februar um 4.00 Uhr wurde der Tod des Babys festgestellt.

Der Bruch des Schädeldaches weise auf eine direkte Krafteinwirkung hin, denkbar ist laut dem Gutachter Herbert Budka etwa ein Anschlagen des Kopfes gegen eine harte Unterlage oder Wand oder ein oder mehrere Schläge auf den Schädel. Zudem fand der Sachverständige bei der neuropathologischen Untersuchung ältere Blutungsreste, die auf mindestens ein zweites Schädel-Hirn-Trauma schließen lassen.

Der Säugling wies sichtbare Gesichtsverletzungen auf. Bei der Obduktion wurden auch Serienrippenbrüche entdeckt, die laut Denk rund zwei bis drei Wochen vor dem Tod entstanden sein dürften. Ältere Verletzungen zeigten sich auch an Armen und Beinen sowie im Gehirn. „Mit hoher Wahrscheinlichkeit“ habe es mehrere Angriffe gegeben, ging der Sachverständige von „mehrfachen sehr heftigen Gewalteinwirkungen“ aus.

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Der Vater (31), der den kleinen Buben am 11. Februar allein betreut hatte, ist wegen Mordes angeklagt, der Mutter wird Quälen und Vernachlässigen einer unmündigen Person vorgeworfen. Beide hatten sich gestern am ersten Verhandlungstag nicht schuldig bekannt. Am Donnerstag beteuerten sie erneut, ihr Baby nicht misshandelt oder geschüttelt zu haben.

Laut Gutachter Werner Brosch sind beide Angeklagte zurechnungsfähig, die medizinischen Voraussetzungen für eine Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher liegen nicht vor. Der Sachverständige diagnostizierte beim 31-Jährigen eine kombinierte Persönlichkeitsstörung mit emotionaler Instabilität und leicht paranoiden und dissozialen Zügen. Der Mann sei beispielsweise in Beziehungsdingen oder im emotionalen familiären Bereich relativ rasch überfordert.

Der Angeklagte könne seine eigenen Bedürfnisse nicht in adäquater Weise zurückstecken und habe „Defizite in der Beziehungsgestaltung und im Selbstbild“, so Brosch. Er berichtete von einer sehr strengen Erziehung des 31-Jährigen, der Vater des Angeklagten sei ein „harter Mann“ gewesen. Nach der Matura kam es zu einem Bruch in der Biografie, der aus Polen stammende Beschuldigte war Hilfsarbeiter in Schlachthöfen und zog viele Jahre durch Europa und Amerika.

Die beiden Beschuldigten führten laut Brosch eine chaotische, unreife, explosive und emotional belastende Partnerschaft. Die Zweitangeklagte habe ihren ehemaligen Lebensgefährten als „idealen Vater“ bezeichnet, aber auch von Beziehungsschwierigkeiten berichtet. Bei der Frau diagnostizierte Brosch eine kombinierte Persönlichkeitsstörung in Bezug auf Beziehungsgestaltung und das emotionale Gleichgewicht. Sie sei „Ich-schwach“, „ein Mensch, der sich nicht traut, er selbst zu sein“ und tue sich schwer, Einflüsse und Strömungen von anderen zu widerstehen.


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