Gefühlte Ungleichheit polarisiert

Ist die soziale Ungleichheit in der Gesellschaft tatsächlich so groß, wie geglaubt wird? Soziologe Schröder überraschte in Lech mit der Antwort.

  • Artikel
  • Diskussion

Von Aline Boillat

Lech –So groß, wie die Gesellschaft glaubt, ist die Einkommensungleichheit gar nicht. Zu diesem Ergebnis kam der Marburger Soziologe Martin Schröder in einer Untersuchung. Dabei hätten zwei Drittel der Befragten befunden, dass in Deutschland große soziale Ungerechtigkeit herrsche. Doch die eigene wirtschaftliche Situation schätzte kaum jemand als schlecht ein. Schröder vermutet, dass die Darstellung in den Medien über die Einkommensverteilung für diesen Eindruck verantwortlich ist. Ein Murren der anwesenden Journalisten beim Mediengipfel war ihm gewiss.

Natürlich sei die Einkommensungleichheit gestiegen, sagt er. Doch eben nicht in dem Ausmaß, wie man glauben möchte. Die Einkommen der obersten zehn Prozent der Bevölkerung seien gerade einmal 3,4-mal so hoch wie bei den untersten zehn Prozent. Die meisten verwechselten das aber mit dem obersten ein Prozent der Top-Verdiener.

Dass eine staatliche Umverteilung für mehr Einkommensgleichgewicht durchaus Sinn mache, führte der Volkswirt Matthias Sutter, Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn und Forscher an der Uni Innsbruck, aus. Denn sonst sei die Abhängigkeit von der Herkunft zu groß. Das US-Motto „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied“ halte keiner Überprüfung stand.

Außerdem, so Sutter: „Menschen glauben, dass eine ungleiche Einkommensverteilung mit Korruption einhergeht und sie zudem ein Ergebnis unmoralischen Verhaltens der Eliten sein könnte.“ Dieser Vertrauensverlust polarisiere – und spiele Populisten wie Trump in die Hände.

10x Wanderausrüstung zu gewinnen

TT-ePaper gratis ausprobieren, der Gratiszeitraum endet nach 4 Wochen automatisch.

Wie man dieser Polarisierung entgegenwirken könne, erklärte Melike Wulfgramm, Professorin am Danish Center for Welfare Studies. „Die soziale Mobilität ist in den skandinavischen Ländern gut, weil der Fokus auf Dienstleistungen des Staates liegt – das heißt, kein monetärer Transfer, sondern beispielsweise Bildungsprogramme. Um das Gefühl der Ungleichheit zu nehmen, müssten etwa Arbeitnehmerrechte gestärkt werden und der Staat sollte massiv in die frühkindliche Bildung investieren. Für den Soziologen Schröder wäre ein Mittel gegen die Einkommens­ungleichheit, Steuerschlupflöcher zu schließen.


Kommentieren


Schlagworte