Die Antithese zu Neid, Ohnmacht und Kränkung

Gerade jetzt brauche es ein starkes, soziales Netz in unserer Gesellschaft, befinden die Autoren Martin Schenk und Martin Schriebl-Rümmele.

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Gerhard Haderer, vielfach ausgezeichneter Karikaturist, war von der Idee des Buches begeistert und steuerte zahlreiche Zeichnungen bei.
© Karikatur: Gerhard Haderer

Carmen Baumgartner-Pötz

Wien — Der österreichische Sozialstaat galt lange als Garantie für Wohlstand und sozialen Aufstieg für weite Teile der Bevölkerung. Geht es nach dem Autorenduo Schenk und Schriebl-Rümmele, soll das auch so bleiben — und die Wertschätzung für den Ist-Zustand steigen. In ihrem Buch „Genug gejammert. Warum wir gerade jetzt ein starkes, soziales Netz brauchen" brechen die beiden eine Lanze für das bestehende System, das freilich „viele Stärken, aber natürlich auch Schwächen hat", wie Schenk im TT-Gespräch erläutert. Anstatt aber Sozialsystem-Bashing zu betreiben, wie es in der Wahrnehmung des Armutsexperten seit einiger Zeit in der Politik und der öffentlichen Meinung passiert, sei es besser, sich auf die Stärken zu fokussieren und diese noch weiter auszubauen.

Martin Schriebl-Rümmele arbeitet seit vielen Jahren als Wirtschafts- und Gesundheitsjournalist sowie Verleger in Kärnten und Wien. Er vermisst in den laufenden Sozialdebatten die Einsicht darin, was das bestehende System für den Menschen bringt. „Der Sozialstaat stärkt Kaufkraft und Konsum. Weil die Menschen aufgrund der Sicherheit wenig Angst haben und deshalb konsumieren. Angst hingegen lässt Menschen erstarren", sagt Schriebl-Rümmele.

Bullshit-Bingo und Haderer-Bilder

„Genug gejammert“ (Ampuls Verlag, 18,90 Euro) wird morgen, am 4.12., um 19.30 Uhr von den Autoren im Haus der Begegnung in Innsbruck präsentiert (Eintritt frei). Im Anschluss gibt es ein Publikumsgespräch.

Wie simplifiziert die Debatte um Sozialleistungen und eine solidarische Gesellschaft geführt wird, zeigen Schenk und Rümmele mit ihrem „Bullshit-Bingo zur Belebung von Sozialdebatten“ zum Ausdrucken. Fünf mal fünf Schlagworte, die man aus unzähligen Politikdiskussionen kennt (wie „Schuldenrucksack“, „Missbrauch bekämpfen“, „Leistung honorieren“ usw.) – kann man von der Liste streichen, sobald so ein Allgemeinplatz in der Diskussion fällt. Wer eine Reihe vollständig gefüllt hat, ruft Bingo!

Gerhard Haderer, vielfach ausgezeichneter Karikaturist, war von der Idee des Buches sofort begeistert und steuerte zahlreiche Zeichnungen bei, die der Ernsthaftigkeit des Themas Leichtigkeit und Humor verleihen.

Sicherheit gibt den Menschen hierzulande etwa die Gesundheitspolitik, nennt Schriebl-Rümmele ein Beispiel: Eine dreimonatige Tabletten-Therapie gegen Hepatitis C, mit der die Krankheit geheilt werden kann, kostet etwa 160.000 Euro pro Person. „Und jeder, der sie braucht, bekommt sie in unserem Land auch, unabhängig von sozialem Status bzw. Einkommen", streicht der Autor hervor. Gesundheit — da war zuletzt viel von den vielen verschiedenen Krankenkassen und möglichen Zusammenlegungen die Rede. „In Wahrheit ist die Zahl der Kassen irrelevant", meint Schriebl-Rümmele und verweist auf eine Studie der London School of Economics, wonach die Gesundheitsausgaben hierzulande keineswegs explodieren. „Jede Fusion führt erst einmal zu Kostensteigerungen. Worüber man aber wirklich reden müsste, ist die Angleichung der Leistungen, so dass alle Versicherten auf dem gleichen Level sind", rät der Experte.

Ein ganzes Kapitel in dem Buch ist dem Themenkomplex „Gefühle" gewidmet. Schenk, stellvertretender Leiter der Diakonie, ist ausgebildeter Psychologe. Er ist davon überzeugt, dass es drei leitende Affekte in der Sozialdebatte gibt: Neid, Ohnmacht und Kränkung. Unter anderem führt das auch dazu, dass eine sachliche Debatte schwierig wird. „Neid impliziert ein Gefühl der Nähe und richtet sich gegen unsere Interessen. Es ist stets ein Instrument der Mächtigen, die damit von eigenen Themen ablenken wollen", meint Schenk.

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Bestes Beispiel dafür: Wie viele Milliarden Euro dem Staat jährlich durch Steuertricks der Superreichen und in Steueroasen entgehen, wurde in den „Paradise" und erst kürzlich in den „Panama Papers" enthüllt. Eine große öffentliche Empörungsdebatte darüber entzündete sich aber nicht: Weil die Nähe fehlt. Kaum jemand kennt jemanden, der eine Briefkastenfirma in Panama besitzt. Aber mutmaßliche „Sozial­schmarotzer", die „noch nie ins System eingezahlt haben" und so das „System missbrauchen", die glaubt man in der näheren Umgebung ausmachen zu können — und da kommt der Neid ins Spiel. Dem diametral Gegenüber steht das Genießen; die Voraussetzung dafür ist, dem anderen etwas zu gönnen. In Diskussionen fordert Schenk sein Publikum deshalb oft auf, darüber zu reflektieren, wofür man dankbar ist: Das verschiebe die Wertigkeiten.

Was sich die Autoren wünschen, von der Politik und auch der Zivilgesellschaft? Unter anderem die Einsicht, dass Kürzungen im Sozialbereich sehr schnell einen selbst betreffen können, „auch wenn es uns anders vorgegaukelt wird", wie Schenk sagt — in einem der reichsten Länder der Welt.


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