„Mathilde“-Regisseur Utschitel unterstützt inhaftierten Serebrennikow

Wien (APA) - Passend zum Einbruch der sibirischen Temperaturen in Wien eröffnen am Donnerstagabend die 5. Tage des russischen Films in der B...

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Wien (APA) - Passend zum Einbruch der sibirischen Temperaturen in Wien eröffnen am Donnerstagabend die 5. Tage des russischen Films in der Bundeshauptstadt - mit dem in seiner Heimat umstrittenen Film „Mathilde“ von Alexei Utschitel im Stadtkino. „Alles, was an Skandalösem und Erotischem im Vorfeld kritisiert wurde, finden sie aber nicht im Film“, dämpfte zuvor der Regisseur vor der Presse die Erwartungen.

In Russland wurde „Mathilde“ zum Auslöser für einen Kulturkampf, protestierten orthodoxe Gruppen doch gegen das Werk, in dem Lars Eidinger auf Russisch die Hauptrolle spielt. Im Zentrum steht die Affäre des spätere Zaren Nikolaus II. mit der polnischen Ballerina Mathilde Kschessinska (Michalina Olszanska). Utschitel inszeniert den Historienfilm als monumentales Schmachtwerk um Romantik und Staatsräson, heiratet der künftige Zar doch letztlich die ihm vorbestimmte hessische Prinzessin Alix (Linda Selb). Orthodoxe Gruppierungen, welche die 1918 von den Bolschewiken ermordete Zarenfamilie als Heilige verehren, sehen in „Mathilde“ eine Herabwürdigung ihres Idols und protestierten. Es gab Brandanschläge auf Utschitels Büro und das Auto seines Anwalts.

„Ich bin nicht so mutig und habe Angst gehabt“, zeigte sich Utschitel am Donnerstag im Russischen Kulturinstitut ehrlich und immer noch überrascht von der Polemik im Vorfeld. Auf Personenschutz habe er jedoch bewusst verzichtet, um den Attentäter nicht die Genugtuung zu geben. „Wegen unserer Gegner wurden alle russischen Fernsehkanäle angewiesen, keine Werbung für den Film zu machen. Das verdanken wir der orthodoxen Kirche“, ärgerte sich der 66-Jährige, der sich selbst als gläubig bezeichnet: „Ich sehe es aber kritisch, wenn die Kirche sich in öffentliche und politische Angelegenheiten einmischt - wir sind ein weltlicher Staat.“

„Was mich besonders geschmerzt hat, ist die Tatsache, dass dann viele ins Kino gegangen sind, um ihre Vorurteile bestätigt zu finden - nicht weil der Film sie wirklich interessiert hat“, so Utschitel: „Wenn man über den Stil eines Filmes diskutieren will, dafür habe ich viel Verständnis. Nicht aber dafür, dass man nur etwas Anstößiges sehen will.“ Zugleich müsse man sagen: „In den fünf Wochen, in denen ‚Mathilde‘ in Russland läuft, gab es überhaupt keinen Vorfall“, betonte der Filmemacher.

Konstantin Lopuschanski, der beim Festival mit seinem Werk „Die Rolle“ vertreten ist, sprang dem Kollegen bei: „Ich finde sehr bezeichnend, was hier vorgefallen ist. Das ist ein neues Problem: Es geht um den Mangel der Filmkultur im Publikum und das Unverständnis, was Kunst eigentlich ist.“ Kunst habe die Freiheit, die Dinge in der einen oder anderen Art zu zeigen. Insofern stehe die Diskussion um „Mathilde“ auch für einen Zustand in Russland: „Bis zu einem gewissen Grad hat das auch mit der politischen Kultur einer Gesellschaft zu tun. Da geht es um Toleranz: Man kann nicht sagen, etwas gefällt mir nicht, und deshalb darf es nicht gezeigt werden.“ Insofern werde diese Diskussion als Grundkonflikt in der russischen Gesellschaft voranschreiten: „Und ich hoffe nur, dass es nicht in die Extreme geht und einen Bürgerkrieg mündet.“

Bei der Gelegenheit brach Utschitel auch eine Lanze für den in Untersuchungshaft befindlichen Theaterregisseur Kirill Serebrennikow. Diesem wird in einem umstrittenen Verfahren vorgeworfen, zwischen 2011 und 2014 fast eine Million Euro öffentlicher Gelder veruntreut zu haben. Der Leiter des Moskauer Gogol-Jugendtheaters, der mehrmals am berühmten Bolschoitheater inszenierte, bezeichnete die Vorwürfe hingegen als „absurd“, zahlreiche westliche Beobachter sprechen von einem politischen Prozess.

Er kenne Serebrennikow gut und sei mit ihm befreundet, so Utschitel. „Ich bin davon überzeugt, dass er sich keinerlei Vergehen schuldig gemacht hat“, unterstrich der 66-Jährige: „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es sich Persönlichkeiten von diesem Rang normalerweise nicht leisten, auch nur einen Rubel zu veruntreuen. Sie wollen in ihrem Leben und ihren Kunst moralisch integer sein.“ Aus diesem Grund sei er auch zuversichtlich bezüglich des laufenden Verfahrens: „Ich bin überzeugt davon, dass die laufenden Untersuchungen zu einem guten Ende führen werden und nichts Negatives dabei herauskommt.“

(S E R V I C E - 5. Tage des russischen Films von 30. November bis 3. Dezember. Eröffnung mit „Mathilde“ im Stadtkino. Danach zahlreiche Werke im Burgkino, Wien 1, Opernring 19. www.burgkino.at)


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