Sexuelle Übergriffe in Jugend-WG im Burgenland: Polizei ermittelt

In einer sozialpädagogischen Wohngemeinschaft im Nordburgenland soll es zu schweren Übergriffen von älteren Kindern auf Jüngere gekommen sein. Das Landeskriminalamt ermittelt seit Monaten.

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© dpa/Julian Stratenschulte

Eisenstadt – Die Volksanwaltschaft erhebt schwere Vorwürfe gegen eine sozialpädagogische Wohngemeinschaft im Nordburgenland. Wie Volksanwalt Günther Kräuter bei einem Pressegespräch am Mittwoch mitteilte, soll es in der Einrichtung zu Übergriffen von älteren Kindern auf Jüngere gekommen sein. Der Missstand soll bereits länger bekannt sein.

In der Einrichtung würden ältere Kinder auf Jüngere losgehen, was dazu führe, dass es zu Misshandlungen und sexuellen Übergriffen komme, erklärte Kräuter. „Hier leben Kinder in Angst.“ Am 22. November habe es einen unangekündigten Besuch einer Expertenkommission der Volksanwaltschaft gegeben. Zwei Tage darauf habe er sich an das Land Burgenland gewandt, da sofort gehandelt werden müsse.

Probleme seit fast eineinhalb Jahren bekannt

Es sei seit fast eineinhalb Jahren bekannt, dass es in der Wohngemeinschaft diese Probleme gebe, so Kräuter. Bezirkshauptmannschaft und Land hätten durch verschiedene Gefährdungsmeldungen – auch durch Schreiben der Volksanwaltschaft – davon Kenntnis gehabt. Beispielsweise dürfte ein 15-Jähriger seit Jahren andere Kinder sexuell missbraucht haben.

Es seien bereits vor einiger Zeit Maßnahmen ergriffen worden, um die offenbar aufgetretenen grenzüberschreitenden Handlungen zwischen Jugendlichen zu beenden, erklärte die leitende Sozialarbeiterin des Landes Burgenland, Bettina Horvath, in einer Reaktion am Donnerstag. Die bisher stattgefundenen regelmäßigen behördlichen Kontrollen der Kinder- und Jugendhilfe sowie die Kontrolle der Volksanwaltschaft im Juni 2016, hätten vor September des heurigen Jahres keine diesbezüglichen Beanstandungen ergeben.

Horvath erklärte weiter, dass die Fachabteilung erst Anfang September in einem Schreiben der Volksanwaltschaft auf die Probleme in der Einrichtung hingewiesen worden wäre. Dass Missstände bereits vorher bekannt gewesen wären, „stimmt so nicht“, meinte Horvath. Vor September habe es keine Hinweise in Richtung der nun vorgeworfenen Übergriffe gegeben. Auch dahin gehende Gefährdungsmeldungen wären nicht bekannt gewesen.

Heuer mindestens drei Kontrollen ohne Ergebnis

Vom Gesetz her sei mindestens eine Kontrolle pro Jahr vorgeschrieben. Heuer wäre die Einrichtung zumindest dreimal durch die Fachabteilung kontrolliert worden. Dabei wäre nichts in Richtung eines angstbesetzten Klimas und weinender Kinder – wie von der Volksanwaltschaft behauptet – bemerkt worden. „Wir haben bei den Kontrollen vor Ort andere Situationen vorgefunden als von der Volksanwaltschaft jetzt geschildert“, meinte die leitende Sozialarbeiterin.

Nach Einlangen des Schreibens Anfang September wären sofort Maßnahmen getroffen worden. Man nehme einen jeden Hinweis ernst, so Horvath. Ein mutmaßlich übergriffiger Jugendlicher werde morgen, Freitag, in eine andere Einrichtung überstellt. Die Geschäftsführerin der Wohngemeinschaft war am Donnerstagvormittag vorerst nicht erreichbar.

Landeskriminalamt ermittelt seit ein paar Monaten

Bereits seit ein paar Monaten ermittelt das Landeskriminalamt in der Angelegenheit. Das gab Staatsanwaltschafts-Sprecher Roland Koch am Donnerstag bekannt.

Um weitere Vorfälle ausschließen zu können, seien an der Einrichtung mehrere Auflagen erteilt worden. Dass der mutmaßlich übergriffige Jugendliche auf Initiative des Landes mit 1. Dezember in eine andere Betreuungseinrichtung überstellt wird, bestätigte Koch.

ÖVP Burgenland kritisiert Darabos

Die ÖVP Burgenland hat am Freitag angesichts eines Berichts über Missstände in einer sozialpädagogischen Wohngemeinschaft im Bezirk Neusiedl am See ein Statement von Landesrat Norbert Darabos (SPÖ) urgiert. Klubobmann Christian Sagartz (ÖVP) und der Zweite Landtagspräsident Rudolf Strommer (ÖVP) forderten Konsequenzen, sollte sich bestätigen, dass Missstände seit eineinhalb Jahren bekannt seien.

Volksanwalt Günther Kräuter habe am Donnerstag auch im Landtagsausschuss „schwere Vorwürfe wegen inakzeptabler Zustände“ bezüglich der Einrichtung erhoben, sagte Strommer. „Wenn bekannt war, dass jüngere Kinder von älteren sexuell misshandelt und belästigt wurden, dann müssen alle, die davon gewusst haben, zur Verantwortung gezogen werden“, forderte der ÖVP-Politiker.

„Der zuständige Landesrat soll sich endlich äußern“, verlangte Sagartz in Richtung Soziallandesrat Darabos. Es brauche einen Aktionsplan, der in Kraft trete, sobald Verdachtsmomente aufkommen. „Es geht darum, dass das Land Burgenland konsequent und sehr professionell bei Problemfällen agiert.“ Dies sei, wie die Volksanwaltschaft bewiesen habe, sei „nicht in allen Fällen gewährleistet“, stellte Sagatz fest.

Die zuständigen Behörden und Politiker sollten „Fakten auf den Tisch legen“. Es gelte, nachzuforschen, ob Systemversagen oder ein bedauerlicher Einzelfall vorliege. Die von den verantwortlichen Behörden geäußerte Betroffenheit sei ihm „zu wenig“, sagte der Klubobmann. Die ÖVP werde im Landtag zu dem Thema eine Anfrage einbringen.

Grüne fordern Qualitätskriterien

Burgenlands Grüne fordern nach Berichten über Missstände in einer sozialpädagogischen Wohngemeinschaft strukturelle Änderungen: Die Qualitätskriterien bei der Vergabe von Betreuungsaufträgen müssten überarbeitet werden, verlangte Landessprecherin Regina Petrik in einer Aussendung.

Es könne nicht sein, dass Betreuungspersonen keine hochwertige pädagogische oder psychologische Ausbildung hätten. Auch das Leitungspersonal müsse eine fundierte Ausbildung und Erfahrung aufweisen können. Wirksam sei nur langfristige Qualitätssicherheit, stellte Petrik fest, die sich über die bekannt gewordenen Vorwürfe „schockiert und tief betroffen“ zeigte. Nun gelte es, „dafür zu sorgen, dass die betroffenen Kinder und Jugendlichen unverzüglich eine Therapiemöglichkeit bekommen und in für sie emotional sicheren Wohnverhältnissen betreut werden.“ (APA)


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