„Häuslbrei“ und „Geisterdörfer“: Kulturgespräch in Kottingbrunn

Kottingbrunn (APA) - Zu einem Kulturgespräch „Alte Werte - neue Räume“ hat der Kultursenat NÖ am Donnerstag in die Kulturszene Kottingbrunn ...

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Kottingbrunn (APA) - Zu einem Kulturgespräch „Alte Werte - neue Räume“ hat der Kultursenat NÖ am Donnerstag in die Kulturszene Kottingbrunn geladen. Über 100 Teilnehmer stellten sich der Frage, wie Kultur, Wissenschaft und Kreativwirtschaft dazu beitragen könnten, „alte Orte, Innenstände und Kulturlandschaften in eine attraktive Zukunft zu führen“.

In einer pointierten Keynote äußerte sich der in Mödling aufgewachsene Kulturhistoriker Wolfgang Kos über „Niederösterreich als kultureller Transferraum“ und brachte dabei seine „eigene kulturelle Hybridität“ ein. Das Land sei im Kulturbereich als Ermöglicher und Anbieter „bestens aufgestellt“, so Kos, und fungiere als „überregionales Kraftzentrum“, das allerdings „kein Loch in der Mitte haben sollte.“ Im manchmal problematischen Verhältnis zu Wien sei „nachbarschaftliche Normalität“ wünschenswert. Als Ursache für die destruktive Wirksamkeit der Landesgrenzen ortete der Ex-Direktor des Wien Museums „das Mitschwingen versteckter Selbstwertproblematiken“. Zur Raumplanung im Bundesland äußerte sich der Kulturhistoriker durchaus kritisch und beklagte den anwachsenden „Häuslbrei“ an den Peripherien: „Öde Zonen, denen die Matrix einer intakten Gemeinschaft fehlt.“

Auch Elisabeth Vavra, Vorsitzende des NÖ Kultursenats, konstatierte die Entstehung von „Geisterdörfern“ und den Bedarf an lebenswerten Orten, Städten und Landschaften. Diese Thematik prägte dann auch den weiteren Verlauf der Veranstaltung. Die Erhaltung historischer Bausubstanz wird angestrebt, steigender Nutzungsdruck und wachsender Bedarf an Wohnraum und Mobilität nagen an den Ressourcen: ein Dilemma, das nach wie vor allenthalben Ratlosigkeit hervorruft.

Seine Entwicklung vom Saulus zum Paulus outete Architekt Christian Knechtl, der sich vom Gegner zum Verfechter des Denkmalschutzes gewandelt hat, bei einer Podiumsdiskussion. Doch was bedeutet schon „historisch“? Knechtl: „Vielleicht sind Tankstellen die historischen Orte von morgen.“ Die Mödlinger Schülerin und Jungautorin Susanne Schmalwieser sprach sich überhaupt dagegen aus, Altes und Neues gegeneinander auszuspielen, und formulierte das Kriterium einer „Ästhetik der Umgebung“.

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Dass die öffentliche Hand nicht alle erforderlichen Maßnahmen setzen kann und auch in der Bevölkerung Bewusstseinsbildung für einen verantwortungsvollen Umgang mit historischer Bausubstanz vonnöten ist, scheint evident. Insofern setzt Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) auch hier auf „neue Wege der Kulturvermittlung“. Ob das Kottingbrunner Kulturgespräch befruchtend für die weitere kulturpolitische Arbeit in Niederösterreich ist, wird sich im Jänner 2018 erweisen, wenn der NÖ Kultursenat ein Arbeitspapier vorlegt, in das die erbrachten Impulse einfließen sollen.


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