Schulentwicklung: 40 Jahre umsonst?

Entsetzen über das Bildungspaket: In Tirol stehen Bildungslandesrätin, Schulinspektoren, Direktoren und Elternvertreter geschlossen hinter der alternativen Beurteilung.

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Von Michaela S. Paulmichl

Innsbruck –Zurück an den Anfang, heißt es nur ein Jahr nach Inkrafttreten der Grundschulreform im Herbst 2016. Zumindest lässt das von den wahrscheinlichen künftigen Regierungsparteien vorgestellte Bildungspaket darauf schließen. Wenn wie angekündigt die Beurteilung durch Ziffernnoten wieder verpflichtend wird, fällt auch die erst geschaffene Möglichkeit für die Schulen, selbst über Beurteilungsformen entscheiden zu können.

Für Beate Palfrader (ÖVP), Bildungslandesrätin und Landesschulratspräsidentin, kommt das einer „Abschaffung der frisch gewonnenen Schulautonomie und auch der Wahlfreiheit gleich“. Die alternative Leistungsbeurteilung sei ein „Erfolgsprojekt“, das auf 40 Jahren Schulentwicklung aufbaue: „Wir haben nur positive Erfahrungen damit gemacht. Deshalb entscheiden sich auch so viele Schulen dafür.“ In 255 Klassen an insgesamt 100 Volksschulen – das ist etwa ein Drittel aller Tiroler Grundschulen – wird das Modell bereits praktiziert, viele weitere bereiten sich bereits darauf vor. Die Entrüstung ist entsprechend groß. Auch die Eltern stehen dahinter, „und die wissen am besten, was gut ist für ihre Kinder“, so Palfrader. Denn ob in einer Klasse alternativ beurteilt wird, entscheidet das Schulforum, nötig ist eine Zweidrittelmehrheit.

Palfrader steht hinter dem derzeitigen Modell und hält Argumente wie „Kuschelpädagogik“ oder „Kinder dürfen nicht in Watte gepackt werden“ für „absolut nicht richtig“. „Hier geht es um moderne pädagogische Ansätze, die sich bewährt haben!“ Die alternative Beurteilung dehne den Lernbegriff und weite ihn aus, alle Leistungen des Kindes werden berücksichtigt. „Das System ist förderorientiert. Kinder und Eltern erhalten Rückmeldungen, die auch dazu dienen, beim weiteren Lernprozess gezielt an Schwächen zu arbeiten. Das wird mit Begeisterung aufgenommen.“ Palfrader spricht von einem „erweiterten Leistungsbegriff“, es gehe immer darum, das Kind als Ganzes zu sehen. Bei einer Ziffer, die allein dastehe, sei das einfach nicht möglich. Außerdem habe man jahrelang darüber gesprochen, Druck von den Kindern und Eltern zu nehmen.

Der Tiroler Elternverband hofft unterdessen immer noch darauf, „dass nach den jahrelangen Kürzungen die neue Regierung wieder mehr Geld in die Bildung und damit in die Zukunft Österreichs investiert. Das ist unbedingt notwendig“, sagt Obfrau Sandra Ballner. Allerdings wurde bereits angekündigt, nicht mehr Geld als bisher zur Verfügung zu stellen. Während Neubauten gut ausgerüstet seien, fehle es bei den meisten anderen Schulen an vielem. „Dazu gehören nicht nur Klassenzimmer oder Turnsäle, auch Klopapier und Müllbeutel sollen oft von den Elternvereinen beschafft werden.

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Auch für die technische Ausstattung müssen die Eltern aufkommen – und das im Zeitalter der Digitalisierung!“ Der Bund schreibe zwar den Einsatz von technischer Infrastruktur im Unterricht vor, sei aber nicht bereit, Schulen entsprechend auszustatten.

„Unsere Kinder brauchen außerdem mehr Individualisierung und damit mehr Lehrer für kleinere Lerngruppen.“ Die Ankündigung, auch Lehrer sollen beurteilt werden, stößt auf Zustimmung: „Aber natürlich müssen daraus auch Konsequenzen abgeleitet werden.“


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