Servus, Staatsfeind mit Theaterfaust!

Dem ungarischen Regisseur Árpád Schilling gelingt mit „Erleichterung“ eine beklemmende Uraufführung.

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© Alexi Pelekanos

Von Bernadette Lietzow

St. Pölten –Als Künstler ist Árpád Schilling Exilant, arbeitet er doch seit einiger Zeit ausschließlich im Ausland. Zuhause ist er (noch) in seiner Heimat, in einem Ungarn, das ihn im vergangenen September gemeinsam mit zwei weiteren Regimekritikern als „potenziellen Vorbereiter staatsfeindlicher Aktivitäten“ zum Sicherheitsrisiko erklärt hat. „Der Tag ist gekommen, endlich habe ich den prestigeträchtigsten Orden der Fidesz-Regierung erhalten: die Medaille des Verräters!“, so der bittere Kommentar des Regisseurs, zitiert in der in Budapest ansässigen deutschsprachigen Onlinezeitung Pester Lloyd.

Mit Kornél Mundruczó und Viktor Bodó, allesamt Kinder der 1970er Jahre, zählt Schilling zu den prägendsten Vertretern einer neuen Theatersprache, die ab der Jahrtausendwende sowohl die ungarische wie auch die internationale Theaterszene mit ihrer Radikalität und dem unbedingten Willen, das Publikum im Innersten zu erreichen, aufgerüttelt hat. Mit seinem 1995 gegründeten Kollektiv Krétakör, „Kreidekreis“ und damit Referenz an Bertolt Brecht, gelingen aufregende und auf zahlreichen Bühnen und Festivals gefeierte Neudeutungen klassischer Stücke, bis Schilling die von ihm selbst als schmerzhaft geschilderte Reißleine zieht.

Seit zehn Jahren engagiert sich Krétakör als Produktionsbüro mit den Mitteln theatraler Ausdrucksformen in gesellschaftspolitischen Feldern, geht in Schulen, organisiert Demonstrationen und versucht, im Ungarn des Viktor Orbán Engagement greifbar zu machen.

Auf die Enge, die große Ängstlichkeit, die nicht nur sein Heimatland, sondern auch den alten Kontinent Europa in den Fängen hat, reagiert Schilling mit einer eigenen Form von „direkten“ Theaterarbeiten, mit Stücken, die nicht einen „aktuellen Diskurs“, sondern eher eine aktuelle Ratlosigkeit thematisieren.

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So auch die Produktion „Erleichterung“, deren Uraufführung am vergangenen Freitag der seit einem Jahr für das Niederösterreichische Landestheater in St. Pölten verantwortlichen Intendantin Marie Rötzer zu verdanken ist. Wie schon in „Eiswind“, einer Arbeit für die Wiener Festwochen 2016 und ab 19. Dezember wieder auf dem Spielplan des koproduzierenden Akademietheaters, erkundet Árpád Schilling gemeinsam mit der Autorin Éva Zabezsinszkij auf der Ebene von Familienbeziehungen die Bruchlinien unserer Gesellschaft.

Im Mittelpunkt von „Erleichterung“ steht der von einer Schreibblockade geplagte Schriftsteller Felix (Michael Scherff), dem seine für das Bürgermeisteramt einer österreichischen Kleinstadt kandidierende und als Gründerin eines Asylwerberheimes politisch aktive Gattin Regina (Bettina Kerl) die eigene Unzulänglichkeit vorlebt. Lukas, ein körperbehinderter Tankstellenangestellter (Tim Breyvogel) ist Felix’ geleugnetes Fahrerfluchtopfer, dem die Kleinfamilie mit aufbegehrender Tochter (Cathrine Dumont) Gutes tun will, was schlussendlich in einer kathartischen Explosion endet. Aus der geht, düstere Bilanz, die bürgerliche Familie inklusive gebieterischem Senior (Helmut Wiesinger) gestärkt und, ja, „erleichtert“ hervor: Man eint sich in der Scheinidylle und Felix hat wieder Ideen für einen Roman.

Ein beherztes Ensemble formt da Schilllings Theatertext, der an die Nieren geht und keine Selbstgewissheit in der eigenen Blase zulässt. Den Wohlmeinenden wird der Spiegel vorgehalten, in dem man sich als Feigling erkennt und unbequeme Fragen nach der eigenen Zivilcourage zulassen muss.

Bis 17. 2. Infos: www.landestheater.net


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