„Songs of Experience“ von U2: Vom Ende der Unschuld

Mit „Songs of Experience“ legen die geschäftstüchtigen Stadionbespaßer U2 ein neues Album vor. Es ist ziemlich okay, aber darum geht es nicht.

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© Anton Corbjin

Innsbruck –Ihren Firmensitz verlegte die irische Band U2 schon vor Jahren nach Holland. Die – zugegeben naive – Frage, warum eine Band überhaupt einen Firmensitz hat, stellte damals niemand. Und jene nach Holland beantwortete ein Blick ins irische Steuergesetz. In Holland übrigens setzte Starfotograf Anton Corbijn die neue Imagekampagne des Unternehmens U2 in Szene. Schließlich gilt es, mit „Songs of Experience“ ein neues Album der gleichnamigen Band zu bewerben. Fragen dazu werden weder Sänger Bono noch seine Kompagnons The Edge, Larry Mullen und Adam Clayton beantworten. Die meisten PR-Termine wurden kurz vor Erscheinen der Platte gecancelt, weil Bonos Privatname Paul Hewson und sein Investment-Projekt „Elevation“ – benannt nach einem U2-Song – durch die „Paradise Papers“ geistern: Der Geschäftsmann Hewson ist unter anderem an einem litauischen Einkaufstempel beteiligt, der seiner Steuerpflicht auf Malta nachkommt. U2 sind in ihrer mittlerweile 41-jährigen Bandkarriere noch nie in Litauen aufgetreten. Warum auch? Litauens größtes Stadion fasst gerade einmal 15.000 Zuschauer. Das rechnet sich für einen global agierenden Bespaßungskonzern nicht.

Nun wäre es fadenscheinig, Geschäftsleuten Geschäftstüchtigkeit vorzuwerfen, würde U2 nicht auf allen Bühnen, die sich bieten, permanent behaupten, dass es ihnen um mehr geht. U2, die Band mit Botschaft, die mit zornigen Friedenshymnen berühmt wurde – und Rockmusik als politisches Engagement zum Wohle der Welt verkauft.

Auch „Songs of Experience“ versteht sich als politisches Album. Deshalb erscheint es erst jetzt. Nachdem ein brüllender Egozentriker im Herbst 2016 zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde, sah sich Bono gezwungen, ein im Grunde fertiges Album neu zu bearbeiten. Eine „lyrische Antwort auf Trump“ schwebe ihm vor, erklärte er, als er noch mit Journalisten sprach. Die freilich fällt in Songs wie „The Blackout“ oder „American Soul“ reichlich einfältig aus: Ein Großmaul macht das Licht aus – und es wird zappenduster. Dazu reimt Bono Rock ’n’ Roll auf Soul – und erlaubt Hiphop-Megastar Kendrick Lamar einen Gastauftritt.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Das Album ist solide, wenn auch etwas arg glatt produziert – und wartet durchaus mit gelungenen Nummern auf. Das halbakustische „The Showman“ etwa macht fraglos Spaß, „Landlady“ schwelgt in jenem wachsweichen „With Or Without You“-Schmalz, dem man sich nur mit Mühe entziehen kann. Kurzum: „Songs of Experience“ ist ziemlich okay. Das war schon die Vorgängerplatte „Songs of Innocence“, jenes Album, das U2 2014 an Apple verkaufte, damit Apple seine Kunden zwangsbeglücken konnte. Wenigstens auf solche Mätzchen wurde diesmal verzichtet. (jole)

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