Prozess gegen angebliche tschetschenische Schutzgeld-Bande gestartet

Wien (APA) - Am Wiener Landesgericht hat am Freitag der Prozess gegen acht Tschetschenen begonnen, die eine auf Schutzgeld-Erpressung ausger...

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Wien (APA) - Am Wiener Landesgericht hat am Freitag der Prozess gegen acht Tschetschenen begonnen, die eine auf Schutzgeld-Erpressung ausgerichtete Bande gebildet haben sollen. Die Verhandlung fand unter strengen Sicherheitsvorkehrungen statt. Zuhörer wurden penibel kontrolliert. Im Gerichtssaal bezogen neben einem Großaufgebot der Justizwache Wega-Beamte mit einsatzbereiten Schusswaffen Stellung.

Die Anklage legt den Männern im Alter zwischen 27 und 40 Jahren zur Last, einen Friseur in Floridsdorf zum Zahlen von Schutzgeld gezwungen zu haben. Von einem Arzt sollen sie das Einstellen seines illegalen Medikamenten-Vertriebs und darüber hinaus 50.000 Euro verlangt haben. Die Tschetschenen wiesen die Vorwürfe zurück.

Verteidiger Florian Kreiner, der drei Angeklagte vertritt, betonte eingangs, für die behauptete kriminelle Vereinigung und die angeblichen Erpressungen gebe es keine Beweise. Was den Friseur betrifft, hätten sich die Männer bei diesem die Haare und ihre Bärte schneiden lassen und ihm ihre Hilfe angeboten, als sie erfuhren, dass er Probleme mit anderen Tschetschenen hatte.

Hinsichtlich des Arztes hätte ein Angeklagter mitbekommen, dass bei diesem ohne medizinische Indikation Rezepte für starke, abhängig machende Mittel zu bekommen waren. Junge Tschetschenen hätten das genutzt. Das habe seinem Mandanten nicht gepasst, weshalb er mit seinem Smartphone in der Ordination ein Video aufnahm, das den Arzt bei der verbotenen Übergabe von Mitteln zeigte, erläuterte Kreiner. Der 33-Jährige habe nach Rücksprache mit einem Anwalt in weiterer Folge dem Arzt gedroht, das Video an die Ärztekammer weiterzuleiten, sollte dieser sein illegales Treiben nicht einstellen.

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Das Verfahren gründe sich auf bloße „Mutmaßungen“, setzten mit Andreas Strobl und Alexander Philipp zwei weitere Verteidiger fort. „Die Anklage wird wie ein Kartenhaus zusammenbrechen“, vermutete Strobl. Die Staatsanwältin verwies demgegenüber auf die Ergebnisse einer umfangreichen Telefonüberwachung und eine entsprechende Rufdaten-Auswertung. Dass der Friseur und dessen Mitarbeiter nach seiner Anzeige in Zeugenbefragungen im Rahmen des Ermittlungsverfahrens die Tschetschenen nicht mehr belastet hatten, nahm die Anklägerin nicht wunder: „Aufgrund des massiven Drucks und aus Angst um ihr Leben schrecken sie nun vor einer Identifikation der Angeklagten zurück.“

Der Anklage zufolge sollen die Tschetschenen zunächst versucht haben, die Eröffnung des Friseur-Salons zu verhindern, weil es in unmittelbarer Nähe bereits einen gab. Dessen Betreiber dürfte - folgt man der Staatsanwaltschaft - versucht haben, mit Hilfe der Tschetschenen den Konkurrenten los zu werden. Als dieser nicht zusperrte, soll der Geschäftsmann derart eingeschüchtert worden sein, dass er von Jänner 2017 bis zur Festnahme der Verdächtigen im August Schutzgeld bezahlte.

Die Zerschlagung der mutmaßlichen Bande hing wesentlich mit einem ominösen Treffen von Dutzenden Tschetschenen am 3. März auf der Donauinsel zusammen. Laut Bundeskriminalamt sollten dort Territorien aufgeteilt werden. Etliche Männer, die teilweise bewaffnet erschienen waren, wurden festgenommen, ihre Daten ausgewertet. Den letztlich acht zur Anklage gebrachten Männern wird auch ein Brandanschlag auf eine Pizzeria im Stadtzentrum von Hollabrunn im heurigen Frühjahr zugeschrieben. Um die Versicherungssumme in Höhe von 250.000 Euro zu kassieren, sollen sie am 13. März eine Explosion herbeigeführt haben. Dazu sind die Ermittlungen der zuständigen Staatsanwaltschaft Korneuburg noch nicht abgeschlossen, dieses Faktum ist daher noch nicht prozessgegenständlich.

Die Angeklagten versicherten in ihren Einvernahmen, das Treffen auf der Donauinsel hätte keinerlei kriminellen Hintergrund gehabt. Für die Tschetschenen durchaus überraschend, war plötzlich die Polizei aufgetaucht, weil sich ein zufällig vorbeispazierendes Pärchen über die Ansammlung gefährlich aussehender, meist vollbärtiger Männer gewundert und die Exekutive verständigt hatte. Ein Mann vergrub eine Maschinenpistole im Schnee. Bei diesem Verdächtigen soll es sich um einen Informanten bzw. Spitzel der Polizei handeln. Er wird im Strafverfahren nicht als Beschuldigter, sondern als Zeuge geführt und hat die Angeklagten bisher belastet.


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