Wie man das Fürchten vor Wagner lehrt

Das Theater an der Wien kämpft gerade einen aussichtslosen Kampf gegen Wagners „Ring des Nibelungen“.

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Marcel Beekman als „Mime“, Martin Winkler als „Alberich“ (v. l.) in „Hagen“.
© THEATER AN DER WIEN

Von Stefan Musil

Wien –Es ist wohl der unbändige Wunsch jedes Intendanten, sich einmal an Richard Wagners Opern-Tetralogie zu versuchen. Der jüngste Kämpfer um dieses Opernmonster der nordischen Sagenwelt heißt Roland Geyer. Bis 2020 läuft noch sein Vertrag als Intendant des Theaters an der Wien. Wer ihm folgt, wird schon mit Spannung erwartet.

Das dritte Wiener Opernhaus ist kein Riesenhaus. An einen „Ring des Nibelungen“ in normaler Dimension war also nicht zu denken. Geyer wünschte sich ohnehin etwas, was man so nirgends erleben kann. Das hat er bekommen. Das lässt sich nach den ersten zwei Abenden der „Trilogie“ (!) erkennen. Denn Geyer lud sich die Regisseurin Tatjana Gürbaca, ihre Dramaturgin Bettina Auer und den Dirigenten Constantin Trinks ein, den „Ring“ zum Dreiteiler zu schrumpfen. Das ist gelungen. Der „Ring“ wurde grandios kleingedacht und auch musikalisch auf Minimalniveau gebracht. Fröhlich wurde Trilogie gebastelt, einige Opernstunden abgezwickt, was blieb, neu zusammengewürfelt. Nachdem vor allem die Kleinen gerne basteln, haben Gürbaca und Team das Ganze an der Kindergeneration der Götterwelt, an Hagen, Siegfried und Brünnhilde festgemacht. So lauten auch die Titel der Abende, die jedes Mal damit beginnen, dass zu bedeutungsschwangerem Gedröhne Siegfried der Speer in den Rücken gerammt wird. Jeweils aus zwei Opern sind die Teile zusammengestoppelt. Wenn also Siegfried Mime nach den Eltern fragt, zappt man zurück in die „Walküre“, wo Siegmund und Sieglinde Siegfried zeugen.

Wagner hat das nicht nötig und Gürbaca ist nichts eingefallen, um diese dramaturgische Selbstherrlichkeit zu rechtfertigen. Sie bemüht dafür gekonnt alle erdenklichen Regietheaterklischees. Die Rheintöchter sind Nutten, die im Schlamm wühlen, das Schwert Nothung wird mit Klebeband repariert, die Mannen in Gibichsheim zappeln wie ein Idiotentrupp und Brünnhilde trägt natürlich Sonnenbrille, wenn sie vom Feuer eingeschlossen auf Siegfried wartet, der an ihr, seiner ersten Frau, das Fürchten lernen muss. Es ist eine Proleten-Kinder-Passion im Plattenbau-Ambiente (Henrik Ahr) geworden, die einem in ihren besten Momenten wie Frank Castorfs Bayreuther „Ring“ für Arme vorkommt. Dann etwa, wenn Wotan mit Cowboyhut am Campingtisch auf Enkel Siegfried wartet. Auch im Graben, wo sich das ORF Radio-Symphonieorchester müht, gibt man sich klein, spart bei den Streichern. Vier Kontrabässe machen noch kein „Walküre“-Vorspiel. Dafür ist die Balance zugunsten der Bläser völlig verrutscht. Constantin Trinks organisiert das und vergisst dabei grob fahrlässig auf jegliche Spannung.

Bis auf den Bayreuth-erprobten Martin Winkler, der als Alberich so lange im Gatsch herumturnt, bis ihm die Stimme rau wird, lässt sich von der Sängerfront wenig Erfreuliches berichten. Auf Niveau wird kaum gesungen. Es werden im Dauerlauf Tonhöhen verfehlt, es wird gestemmt, gebrüllt oder man bleibt blass. So sehr, so unlustig, dass die beiden Abende nicht einmal als Parodien durchgehen.

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