Eine ganz und gar verkommene Branche

Amy Sherman-Palladinos hinreißend komische und tieftraurige Serie „The Marvellous Mrs. Maisel“ rechnet mit der Heuchelei im Showbiz ab.

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Midge Maisel (Rachel Brosnahan) ringt als angehende Bühnenkomikerin mit den Widrigkeiten einer Männerdomäne.

Von Joachim Leitner

Innsbruck –„Komödie“ – das weiß man spätestens seit Woody Allens „Verbrechen und andere Kleinigkeiten“ – „ist Tragödie plus Zeit“. Aber ans Lustigsein denkt Midge Maisel (Rachel Brosnahan) gar nicht, als sie eines Nachts die Bühne eines Stand-up-Clubs betritt. Sie denkt eigentlich gar nicht. Die Stunden davor verbrachte sie damit, ihre private Tragödie im Alkohol zu ersäufen. Denn ihr Mann (Michael Zegen), stinkreich und ungemein farblos, ist gerade mit seiner Sekretärin durchgebrannt – und wir schreiben das Jahr 1958.

Im Rampenlicht redet Midge sich in Rage – und das Publikum tobt. Manchmal braucht die Tragödie gar keine Zeit, um Komödie zu werden. Als die wahrhaft wunderbare und wunderbar ätzende Mrs. Maisel sich ihres Oberteils entledigt, landet sie als öffentliches Ärgernis im Gefängnis, wo ihr kein Geringerer als Comedy-Grenzgänger Lenny Bruce (Luke Kirby) vom Spaßmachen abrät: eine ganz und gar verkommene Branche.

Wie verkommen, wird Midge Maisel noch erfahren. Denn natürlich macht sie weiter. Die neue Amazon-Serie „The Marvellous Mrs. Maisel“ handelt von Amerikas erster Bühnenkomikerin – und sie stammt aus der Feder von Amy Sherman-Palladino, die mit „Gilmore Girls“ eine der erfolgreichsten TV-Serien der zurückliegenden Jahre geschaffen hat.

Weil es im Grunde um eine Frau geht, die mit den Widrigkeiten einer Männerdomäne ringt, um verstaubte Machtverhältnisse und um Showbiz-Heuchelei, hat sie das Potenzial, die Serie der Stunde zu werden. Vielleicht bürdet man Mrs. Maisel damit etwas zu viel auf. Andererseits, wem, wenn nicht Mrs. Maisel – die von Brosnahan auf nachgerade entzückend resolute Weise verkörpert wird –, könnte dieser große Wurf gelingen?

Die erste Staffel der ungemein komischen, tieftraurigen und – leider – unheimlich aktuellen Serie ist seit Ende vergangener Woche auf dem Streamingdienst Amazon Prime­ abrufbar – vorerst nur in englischer Originalfassung. Staffel Nummer zwei, selbst für vergleichsweise risikofreudige Online-Anbieter ein Novum, wurde bereits davor in Auftrag gegeben.


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