Prozess 2 - Angebliche Erpresser ließen sich kosmetisch behandeln

Wien (APA) - Einige angebliche Schutzgeld-Erpresser, die einen Friseur in Wien-Floridsdorf massiv unter Druck gesetzt und diesem monatliche ...

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Wien (APA) - Einige angebliche Schutzgeld-Erpresser, die einen Friseur in Wien-Floridsdorf massiv unter Druck gesetzt und diesem monatliche Zahlungen abgenötigt haben sollen, haben sich ausgerechnet von diesem Mann kosmetisch behandeln lassen. Verteidiger Florian Kreiner legte Fotos vor, auf denen die drei Tschetschenen mit Behandlungsmasken im Gesicht zu sehen sind.

Auf einem Bild ist auch der Friseur selbst zu sehen, wie er einen Angeklagten freundschaftlich umarmt. Der betreffende Angeklagte erklärte dazu, er sei schon länger mit dem Friseur befreundet. Dieser hätte ihn eines Tages dazu überredet, sich nicht nur die Haare schneiden, sondern auch „behandeln“ zu lassen. „Ich hätte es niemals zugelassen, dass das jemand anders macht. Ich habe das vorher nicht gemacht“, betonte der 35-jährige Tschetschene, dem es - ebenso wie den zwei mit ihm befreundeten Mitangeklagten, die sich ebenfalls Masken auflegen hatten lassen - sichtlich unangenehm war, dass die Selfies, die sie spaßeshalber als „Beweisfotos“ angefertigt hatten, nun Aktenbestandteil wurden.

Für Verteidiger Kreiner belegen die Bilder, dass die Angeklagten den Mann nicht erpresst haben können. Vielmehr sei einer von ihnen schon länger mit dem Mann befreundet gewesen. Dieser Angeklagte hätte erfahren, dass der Friseur Schwierigkeiten mit einem anderen Friseur hatte, der den unliebsamen Konkurrenten dazu bringen wollte, seinen in unmittelbarer Nähe gelegenen Laden zu schließen.

Er habe zwischen den beiden vermitteln wollen, erklärte der 35-Jährige darauf in eigenen Worten dem Schöffensenat (Vorsitz: Andreas Böhm): „Ich habe ihnen geraten, sie sollen sich untereinander versöhnen.“ Zwei vor diesem Treffen geführte und von der Polizei abgehörte Telefonate, auf denen verdächtige Passagen zu hören sind („Du störst hier“, „Warum hast du geöffnet?“, „Wir haben dich gewarnt“), wären von den Ermittlern missverständlich verstanden worden.

Hinsichtlich der inkriminierten Erpressung hatten weder der Friseur noch der Großteil seiner Mitarbeiter im Ermittlungsverfahren einen einzigen der acht Angeklagten als Täter identifiziert. Lediglich ein gebürtiger Tunesier glaubte, einige von ihnen als Erpresser wiederzuerkennen, als ihm Fotos der Verdächtigen vorgelegt wurden. Dieser Zeuge soll sich derzeit allerdings wieder im Ausland befinden. Auch der angebliche Anstifter der Erpressung ist vorerst nicht mehr greifbar. Die Justiz hat gegen ihn eine Festnahmeanordnung erlassen, gab der Richter am Rand der Verhandlung bekannt.

Erörtert wurden auch weitere verdächtige Telefonate der Angeklagten. So wurde des langen und breiten über „Marmelade“ und damit verbundene Preisvorstellungen gesprochen - für die Staatsanwaltschaft eindeutig ein Code für krumme Geschäfte. Die Angeklagten wiesen diese Unterstellung vehement zurück. Man habe sich eingehend über ein Spezialitäten-Geschäft in Favoriten und dort erhältliche Köstlichkeiten unterhalten, beteuerte einer von ihnen. Dort gebe es „Konfitüre wie in der Heimat“. Wenn in den Gesprächen von Zahlen wie 30 oder 40 die Rede war, „sind das die Preise für ein Glas Marmelade“.

Die Verhandlung wird am 13. Dezember fortgesetzt.


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