UN-Tribunal leitet nach Suizid von Praljak eigene Ermittlungen ein

Den Haag (APA/AFP/dpa) - Das UN-Tribunal zum früheren Jugoslawien lässt den Suizid des bosnisch-kroatischen Ex-Kommandeurs Slobodan Praljak ...

  • Artikel
  • Diskussion

Den Haag (APA/AFP/dpa) - Das UN-Tribunal zum früheren Jugoslawien lässt den Suizid des bosnisch-kroatischen Ex-Kommandeurs Slobodan Praljak von unabhängigen Experten untersuchen. Die Ermittlungen sollten sich auf interne Vorgänge bei dem Gerichtshof konzentrieren und Empfehlungen für künftige Verfahren ausarbeiten, teilte der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) am Freitag mit.

Die Untersuchung solle in der kommenden Woche beginnen, ihre Ergebnisse sollen bereits vor Jahresende veröffentlicht werden. Der Richter Hassan Jallow werde die Ermittlungen leiten, die „den vorliegenden Vorgang bewerten“ sollen, erklärte das Tribunal. Die unabhängigen Ermittlungen sollen jene der niederländischen Staatsanwaltschaft ergänzen. Diese wartete am Freitag auf die Autopsieergebnisse. Die Behörden hatten Ermittlungen wegen Beihilfe zum Suizid und Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz eingeleitet.

Gerätselt wird derzeit, wie es dem Verurteilten gelingen konnte, das Giftfläschchen trotz der strengen Sicherheitsauflagen in das Gericht zu schmuggeln. Auch ist unklar, wie Praljak an die fragliche Flüssigkeit kommen konnte. Praljak hatte am Mittwoch zunächst lautstark protestiert, als der ICTY in dem Berufungsverfahren die 20-jährige Haftstrafe gegen ihn bestätigte. Dann zückte er ein braunes Fläschchen und trank es aus.

Zunächst wurde das Verfahren fortgesetzt, doch dann rief der Anwalt Praljaks: „Mein Mandant sagt, er habe Gift genommen.“ Das Verfahren wurde unterbrochen, der 72-Jährige wurde ins Krankenhaus gebracht, wo er kurze Zeit später starb. Es war das letzte Verfahren vor dem Strafgerichtshof für Ex-Jugoslawien, der zum Jahresende nach fast 25 Jahren seine Tätigkeit einstellt.

10x Wanderausrüstung zu gewinnen

TT-ePaper gratis ausprobieren, der Gratiszeitraum endet nach 4 Wochen automatisch.

Praljak und die fünf Mitangeklagten mussten sich in dem Berufungsverfahren wegen Kriegsverbrechen im bosnisch-kroatischen Krieg von 1993-1994 verantworten, der während des Bosnien-Krieges (1992-1995) aufgeflammt war. Praljak hatte sich 2004 gestellt. Die sechs Männer waren 2013 verurteilt worden. Praljak war unter anderem für schuldig befunden worden, im November 1993 die Zerstörung der alten Brücke von Mostar aus osmanischer Zeit angeordnet zu haben. Dadurch sei der muslimischen Zivilbevölkerung „unverhältnismäßig großer Schaden“ entstanden, hatten die Richter im ersten Prozess geurteilt.

In Kroatien wird Praljak unterdessen als Held gefeiert. Premier Andrej Plenkovic bezeichnete die Verurteilung von Praljak und seinen fünf Mitangeklagten als eine „tiefe moralische Ungerechtigkeit“. Staatspräsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic betonte, dass er „lieber sein Leben gegeben“ habe „als mit der Verurteilung für jene Taten zu leben, von denen er fest behauptete, sie nicht begangen zu haben“.

Kritiker meinen dagegen, dass der ehemalige Regisseur seinen Tod sorgfältig inszeniert hat. „Mit seinem theatralischen Tod wollte Praljak die Verbrechen, für die er verurteilt wurde, auslöschen und von einem Kriegsverbrecher zum nationalen Märtyrer werden“, kommentierte das Nachrichtenportal Index.hr.

Der 72-Jährige soll tatsächlich bereits vor zwei Jahren Instruktionen für den Falle seines Todes hinterlassen. Kroatische Medien berichteten am Freitag von einem versiegelten „Abschiedsbrief“, den Praljaks Angehörige nur im Fall seines plötzlichen Todes öffnen sollten. Darin wünscht der Kriegsverbrecher, dass seine Asche am Zagreber Zentralfriedhof verstreut werde. Gemäß dem Willen des Toten soll Praljak nun im engsten Familienkreis beigesetzt werden. Zuvor soll nach Gesprächen zwischen Regierungsvertretern und Angehörigen ein größeres Begräbnis geplant gewesen sein, das von der Vereinigung der kroatischen Generäle organisiert werden sollte.

Politiker, welche die allgemeine Kritik an dem Urteil des UN-Gerichts nicht teilen, berichten unterdessen von Drohungen über soziale Netzwerken. Der Oppositionsabgeordnete der liberalen Partei „Glas“ (Stimme) Goran Beus Richembergh erhielt Morddrohungen, weil er sich gegen eine Schweigeminute im Parlament für den Kriegsverbrecher ausgesprochen hatte. Seine Parteikollegin, die ehemalige Außenministerin Vesna Pusic, berichtete ebenfalls von Drohungen, nachdem sie ihre Kritik über eine verfehlte Politik der Staatsführung und der Regierungspartei HDZ gegenüber Bosnien in den 1990er-Jahren wiederholt hat.

~ WEB http://www.icty.org/ ~ APA428 2017-12-01/15:39


Kommentieren