Der Funke der Revolution

Frauen als Auslöser des Umsturzes in Libyen: Aktivistin Zahra’ Langhi über das schwere Erbe Gaddafis und einen gescheiterten Staat.

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Nach der Revolution herrschte unter Aktivistinnen Euphorie. Diese wich bald der Ernüchterung. Heute steuert Libyen darauf zu, als Staat zu scheitern.
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Von Matthias Sauermann

Innsbruck, Tripolis –Vor sechs Jahren rief eine Bewegung über soziale Netzwerke in Libyen zu einem „Tag des Zorns“ gegen das Regime des Diktators Muammar al-Gaddafi auf. Die Demonstrationen im Februar 2011 erwuchsen zu einer Revolution. Gaddafi wurde nach einem militärischen Aufstand und einer internationalen Intervention abgesetzt, im Oktober 2011 getötet.

Das Volk hatte zuvor Jahrzehnte unter der Herrschaft Gaddafis gelitten, berichtet die Aktivistin Zahra’ Langhi. Und erzählt von Exekutionen auf dem Campus der Universität, Morden und Massakern. Systematisch sei unterdrückt und Widerstand zerschmettert worden. Die Gewalt war schließlich der Sargnagel für das alte Regime. „Frauen aus Familien von politischen Gefangenen waren der Funke, der zur Revolution führte“, erzählt Langhi.

Die Friedensaktivistin setzt sich heute für Frauenrechte ein. Allerdings aus dem Exil. Nach einer Serie an Attentaten, bei der unter anderem ihre Freundin und Aktivistin Salwa Bughaigis getötet wurde, floh sie nach Kairo. Mit dem Ende des Regimes war es keineswegs vorbei mit der Gewalt. „Die Revolution gegen Gaddafi setzte sich eigentlich für Meinungsfreiheit und Menschenrechte ein“, meint Langhi. Davon sei nun keine Spur mehr.

Indes hatte der Prozess der Demokratisierung hoffnungsvoll begonnen. Rasch wurden Wahlen organisiert. Ein Fehler, wie sich später herausstellte. „Wir hasteten in Wahlen, ohne das Fundament dafür zu haben“, analysiert Langhi. Dafür übernehme sie Verantwortung: „Auch ich habe die Euphorie der Revolution gespürt.“ Der Gesellschaft hätte es besser getan, erst in einen Dialog über eine Verfassung einzutreten, einen Versöhnungsprozess einzuleiten und die Vergangenheit aufzuarbeiten. Stattdessen habe der von der internationalen Gemeinschaft schablonenhaft forcierte Demokratisierungsprozess die Gesellschaft noch mehr gespalten. „Statt eines Pfades zur Demokratie haben wir nun einen zu einem gescheiterten Staat“, sagt die Aktivistin.

Noch gebe es jedoch Hoffnung für Libyen, meint Langhi. Sie unterstützt deshalb vor allem Frauen, die sich im Land politisch engagieren – etwa Bloggerinnen. „Unsere Stimmen waren so laut, dass es den Warlords Angst eingejagt hat. Deshalb haben diese angefangen, systematisch alle zu ermorden“, erzählt Langhi. Nun wäre es wichtig, die richtigen Prioritäten zu setzen. Dazu zählt Langhi ein Ende der Überflutung des Landes mit Waffen, die Entwaffnung, ein Versöhnungsprozess und das Streben nach Gerechtigkeit für verübte Verbrechen. „Die moralischen Grundfesten, das Vertrauen wurden zerstört. Um dieses Erbe muss man sich erst kümmern“, appelliert die Friedensaktivistin. Ein wichtiger Baustein dabei sei Mitgefühl. Was allerdings nicht heiße, Unrecht zu ignorieren.

Eine Gefahr für den Friedensprozess sei auch der politische Islam. Kritik daran dürfe nicht „als Islamophobie abgestempelt“ werden, meint Langhi.

Die libysche Friedensaktivistin Zahra' Langhi.
© Karama

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