„Hagen“: Episode 1 des neuen TaW-Rings bietet neuen Blick auf Wagner

Wien (APA) - Ein Drittel des „Rings“ ist geschmiedet: Im Theater an der Wien (TaW) wurde am Freitag mit „Hagen“ Teil 1 des ambitionierten Pr...

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Wien (APA) - Ein Drittel des „Rings“ ist geschmiedet: Im Theater an der Wien (TaW) wurde am Freitag mit „Hagen“ Teil 1 des ambitionierten Projekts einer Neufassung von Richard Wagners Monumentalwerk umjubelt. In einem Remix setzt Regisseurin Tatjana Gürbaca einzelne Szenen der Tetralogie zu einer Trilogie zusammen - und ermöglicht dabei einen durchaus neuen Blick, wie zum Auftakt deutlich wurde.

Auch wenn die Szenen selbst unverändert aus der Originaltetralogie übernommen werden, wirft der TaW-“Ring“ an jedem der drei von 15 auf neun Stunden gekürzten Abende ein Schlaglicht auf einen Charakter der dritten Generation der „Ring“-Figuren. Zum titelgebenden „Hagen“ kombiniert Gürbaca Szenen aus der „Götterdämmerung“, in denen der Siegfried-Mörder zentral vertreten ist, mit einigen Passagen aus dem „Rheingold“, in denen Vater Alberich die Hauptrolle spielt. In diesen chronologisch frühen Sequenzen ist Hagen in Form eines stummen Kindes an der Seite seines Vaters zu sehen. Das geht sich für „Ring“-Pedanten chronologisch eigentlich nicht aus, wäre Hagen somit doch älter als die Siegfried-Eltern Siegmund und Sieglinde, obgleich er in der „Götterdämmerung“ in etwa gleich alt wie Siegfried ist.

Aber sei‘s drum. Schließlich bietet diese Konzeption, die Regisseurin Gürbaca gemeinsam mit Dirigent Constantin Trinks und Dramaturgin Bettina Auer erarbeitet hat, die überraschende Möglichkeit, sich in der wagnerschen Personenvielfalt vermehrt auf einen Charakter zu fokussieren, die Vielstimmigkeit der Geschichte auf einen Blickachse zu reduzieren. Gürbacas reduziertes Bühnenbild mit einem Rhein-Flussbett als Schlammgrube und einer Gibichungen-Halle im 60er-Jahre-Stil ermöglicht zeitgleich großen Spielwitz wie eine Fokussierung auf die Personenführung.

Unterstützt wird diese Neubetrachtung durch die verwendete Instrumentierung durch Alfons Abbass, wobei Anton Safronov für die geschmeidigen Übergänge zwischen den neu zusammengesetzten Szenen verantwortlich zeichnet. Die Reduktion von rund 100 auf 62 Musiker, vornehmlich in Blech und Schlag, reicht in einem kleineren Haus wie dem TaW aus, den typischen Wagner-Klang zu erzeugen. Und dennoch nimmt die Instrumentierung der wagnerschen Überwältigungsmusik ein wenig die Spitze, bietet Kammermusikqualität und den Sängern damit eine größere Bühne für Textverständlichkeit. Auch ohne Forcieren kommen die Akteure meist über den Graben.

Dabei waren bei „Hagen“ vor allem die Bösen die Guten. In der Titelpartie präsentiert sich Samuel Youn nach seinem „Holländer“ 2015 am Haus als wunderbar sämiger Hagen. Der Südkoreaner besitzt zwar keine überragende Durchschlagskraft, kann dafür aber in den ruhigeren Passagen umso mehr überzeugen. Der intrigante Alberich wird von Martin Winkler in seiner Paraderolle wieder mit einer Tiefe und Diabolik und zugleich albernster Spielfreude versehen, dass es eine wahre Freude ist. Und auch der junge Isländer Kristjan Johannesson überzeugte als winselnder Gunther vollends.

Daniel Brenna als Siegfried hingegen hatte am ersten Abend noch zu wenig Gelegenheit um zu glänzen - was sich bei Teil 2 unter dem Titel „Siegfried“ ändern dürfte. Und Ingela Brimberg, die 2015 ebenfalls schon im „Holländer“ am TaW zu hören war, ließ als Brünnhilde noch wenig Vorfreude auf Sonntag aufkommen, wenn sie ganz im Fokus des Werks steht. Am Ende stand großer Applaus für alle Beteiligten, wobei sich das Regieteam erst am Ende der Trilogie dem Urteil des Publikums stellen wird.

(S E R V I C E - Ring-Trilogie-Auftakt „Hagen“ nach Richard Wagner im Theater an der Wien, Linke Wienzeile 6, 1060 Wien. Musikalische Leitung des RSO: Constantin Trinks, Regie: Tatjana Gürbaca, Bühne: Henrik Ahr, Kostüme: Barbara Drosihn, Licht: Stefan Bolliger. Mit: Samuel Youn - Hagen, Daniel Brenna - Siegfried, Ingela Brimberg - Brünnhilde, Aris Argiris - Wotan, Martin Winkler - Alberich, Marcel Beekman - Mime, Michael J. Scott - Loge, Liene Kinca - Gutrune, Kristjan Johannesson - Gunther, Mirella Hagen - Woglinde, Ann-Beth Solvang - Flosshilde, Raehann Bryce-Davis - Wellgunde. Weitere Aufführungen der Trilogie: „Hagen“ am 7., 17. und 29. Dezember, „Siegfried“ am 2., 9., 18. und 30. Dezember und „Brünnhilde“ am 3., 10., 19. und 31. Dezember. Sendetermine auf Ö1: „Hagen“ am 8. Dezember, „Siegfried“ am 9. Dezember und „Brünnhilde“ am 10. Dezember jeweils ab 19.30 Uhr. www.theater-wien.at)


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