„Anatol“-Premiere in Linz: Ein weiblicher Blick auf den Hallodri

Linz (APA) - Er glaubt, er könne jede kriegen und habe immer die Kontrolle - doch in der Inszenierung von Susanne Lietzow in den Linzer Kamm...

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Linz (APA) - Er glaubt, er könne jede kriegen und habe immer die Kontrolle - doch in der Inszenierung von Susanne Lietzow in den Linzer Kammerspielen durchschauen die Frauen Arthur Schnitzlers Schwerenöter „Anatol“ sehr wohl. Eine unterhaltsame, spritzige Interpretation aus weiblichem Blickwinkel, die mit Martina Spitzer, Andreas Patton und Christian Taubenheim trefflich besetzt ist, hatte am Freitag Premiere.

Andreas Patton, bekannt aus etlichen TV-Krimis, spielt den Anatol als charmanten Hallodri, hinter dessen souverän anmutender Fassade sich ein gewaltiges Maß an unreifer Mimosenhaftigkeit verbirgt: Er wechselt seine Geliebten wie die Hemden und betrügt jede früher oder später. Während er diese Freiheit für sich in Anspruch nimmt, erwartet er von seinen Freundinnen nicht nur Liebe, sondern Anbetung. Mit weniger ist sein Ego nicht zufrieden - und das quält ihn, weil er im Innersten überzeugt ist, dass die Frauen genauso sind wie er, alle ohne Ausnahme untreu, alle gleich.

Der undifferenzierte Blick Anatols auf das weibliche Geschlecht mag Regisseurin Susanne Lietzow dazu bewogen haben, die Frauenfiguren des Einakterzyklus allesamt mit einer einzigen Darstellerin zu besetzen, nämlich mit Martina Spitzer, die Großartiges abliefert. Dabei dürfte auch geholfen haben, dass sie und Lietzow durch ihre Tätigkeit beim „Projekttheater“ bereits ein eingespieltes Team sind.

In „Anatols Größenwahn“ verkörpert Spitzer die lebenskluge Berta, die nach ihren Erfahrungen mit Anatol nicht noch einmal von ihm um den Finger gewickelt werden will. In „Die Frage an das Schicksal“ gibt sie die vertrauensselige Cora, die sich von Anatol sogar hypnotisieren lässt - er traut sie sich aber nicht einmal in diesem Zustand zu fragen, ob sie ihm treu ist, aus Angst, sein Ego könnte einen Kratzer davontragen. Die Arztgattin Gabriele („Weihnachtseinkäufe“) verbirgt hinter Standesdünkel, dass ihr der Mut zu einer Affäre fehlt, die Zirkusartistin Bianca erdreistet sich in „Episode“, ihr Abenteuer mit Anatol einfach vergessen zu haben.

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Emilie liebt ihn wohl wirklich, ihm ist das aber immer noch zu wenig („Denksteine“). Schräg gestaltet sich das „Abschiedssouper“, in dem Spitzer eine Bordeaux-durstige und Austern-hungrige Ballerina gibt, die ihm unverblümt von ihrem neuen Schwarm erzählt und ihn abserviert. In „Anatols Hochzeitsmorgen“ ist sie die auf Rache sinnende Ilona und in „Süßes Mädel“ die kindliche Fritzi, die Anatol mit einem Rollenspiel aufs Glatteis führt.

Anatols Freund Max (Christian Taubenheim) steht meist als Prellbock zwischen dem Playboy und seinen Frauen, er vermittelt zwischen den Geschlechtern. Anatol und ihn verbindet einerseits eine klassische Männerfreundschaft, andererseits wirken sie oft wie ein altes Ehepaar. Lietzow unterstreicht die Max zugedachte Rolle, indem sie ihn zwitterhaft auftreten lässt.

Komplettiert wird die Riege der Mitwirkenden durch den Computermusiker Gilbert Handler, der zwischen den Akten Arien interpretiert und das Publikum mit seiner Stimme abwechselnd auf die männliche und auf die weibliche Seite zieht, während er durch die verschiedenen transparenten Räume der Bühne (Marie-Luise Lichtenthal) wandert.

Nach gut zwei Stunden kurzweiliger Geschlechter-Studie spendete das Publikum langen Premieren-Applaus - Frauen wie Männer.

(S E R V I C E - „Anatol“, Einakter-Zyklus von Arthur Schnitzler, Inszenierung: Susanne Lietzow, Bühne und Kostüme: Marie-Luise Lichtenthal, Komposition und Musik: Gilbert Handler. Mit Andreas Patton (Anatol), Christian Taubenheim (Max), Martina Spitzer (Berta, Cora, Gabriele, Bianca, Emilie, Annie, Ilona, Fritzi). Weitere Vorstellungen am 4., 6., 15., 25. und 30. Dezember, 7., 11., 12. Jänner, 1., 3., 23. Februar, Linzer Kammerspiele. Karten: 0800 / 218 000, www.landestheater-linz.at)

(Probenfotos sind im Pressebereich von www.landestheater-linz.at abrufbar)


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