10 Jahre Krise - Chronologie: Dezember 2007 und Jänner 2008

Wien (APA) - Vor zehn Jahren brach in den USA ausgehend vom Immobilienmarkt die Subprime-Krise um zweitklassige Hypothekendarlehen aus. Hypo...

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Wien (APA) - Vor zehn Jahren brach in den USA ausgehend vom Immobilienmarkt die Subprime-Krise um zweitklassige Hypothekendarlehen aus. Hypothekenbanken konnten Milliarden nicht mehr an ihre Gläubiger zurückzahlen. Die Krise weitete sich in der Folge zu einer globalen Finanz- und Wirtschaftskrise aus, auf deren Höhepunkt im Herbst 2008 die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers stand.

Im Dezember 2007 mehren sich die Anzeichen und Einschätzungen, dass die Finanzmarktkrise noch längst nicht ausgestanden ist. Erstmals seit den Anschlägen vom September 2001 stellen die fünf großen Zentralbanken Milliarden-Geldspritzen zur Stabilisierung des Finanzsystem zur Verfügung. Im Jänner 2008 steigt der Goldpreis auf den höchsten Stand seit 28 Jahren. Die Stimmung an den Börsen verschlechtert sich deutlich, Konjunkturprognosen werden zurückgenommen, immer mehr Banken schreiben Milliarden-Beträge ab. Die Krise weitet sich auf andere Branchen aus. Rezessionsängste tauchen auf. Die US-Notenbank senkt innerhalb von acht Tagen zwei Mal die Leitzinsen, die Bush-Regierung schnürt erste Konjunkturprogramme. Forderungen nach mehr Transparenz im globalen Finanzsystem werden laut.

Der folgende sechste Teil einer Chronologie wichtiger Ereignisse von vor zehn Jahren betrachtet die Monate Dezember 2007 und Jänner 2008. Bisherige Chronologien und Hintergründe am 3. März, 13. April, 2. Juni, 28. Juli und 23. November behandelten den Zeitraum von Jahresbeginn 2006 bis November 2007.

3. Dezember 2007: Die Finanzkrise erfasst in den USA mehr Menschen als bisher angenommen.

Die Ratingagentur Moody‘s stellt weltweit Kreditpapiere im Gesamtwert von mehr als 100 Mrd. Dollar (67,7 Mrd. Euro) auf den Prüfstand.

Die Hypothekenkrise wird sich noch verschärfen, sagt der Präsident der Boston Fed, Eric Rosengren.

4. Dezember 2007: Die Finanzmarktkrise ist nach Ansicht der US-Regierung und führenden EZB-Bankern noch längst nicht ausgestanden.

Die US-Wirtschaft befindet sich laut US-Präsident George W. Bush trotz der Immobilienkrise in guter Verfassung.

6. Dezember 2007: Die Europäische Zentralbank (EZB) lässt den Leitzins für die Eurozone unverändert bei 4,0 Prozent.

Die US-Wirtschaft wird nach Einschätzung mehrerer deutscher Banken im kommenden Jahr nicht in eine Rezession rutschen.

8. Dezember 2007: Die Finanzkrise erfasst in den USA nach Häuser- und Autokrediten nun auch massiv Studentendarlehen.

9. Dezember 2007: Die Krise hat das internationale Geschäft mit Anleihen seit dem Spätsommer massiv beeinträchtigt. Finanzderivate erlebten dagegen als Absicherungsgeschäfte einen bisher nicht gekannten Boom, so die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ).

10. Dezember 2007: Die Unternehmensberatung McKinsey erwartet noch weitere unangenehme Überraschungen in den Bankbilanzen. „Das wahre Ausmaß wird sich vielleicht erst mit Vorlage der Bilanzen für 2007 offenbaren“.

17. Dezember 2007: Mit einer seit dem 11. September 2001 nicht mehr da gewesenen gemeinsamen Aktion bieten die fünf großen Zentralbanken den Banken zusätzliches Kapital als Milliarden-Geldspritze an. Beobachter werten dies als Beleg dafür, dass die Finanzkrise größere Ausmaße hat als bisher gedacht und sie die Banken und Börsen mit voller Wucht erfasst hat.

18. Dezember 2007: Die EZB befürchtet steigende Zinsen und begibt weitere Milliarden in den Geldmarkt.

19. Dezember 2007: In den deutschen Unternehmen macht sich Pessimismus breit. Der Ifo-Geschäftsklimaindex sinkt auf den tiefsten Stand seit fast zwei Jahren.

21. Dezember 2007: Der Internationale Währungsfonds (IWF) zweifelt an einer schnellen Überwindung der Krise. Vielen Ländern werde es schwer fallen, 2008 ihre Wachstumsvorhersagen zu erreichen.

27. Dezember 2007: In Europa geht die Nachfrage nach Krediten zurück, die Zinsen sinken. Die EZB schöpft 150 Mrd. Euro vom Geldmarkt wieder ab. „Es gibt Unruhe, keine Krise“, beruhigt EZB-Direktoriumsmitglied Jürgen Stark.

2. Jänner 2008: Der Goldpreis steigt auf den höchsten Stand seit 28 Jahren. Der Preis für eine Feinunze (31,1 Gramm) klettert bis auf 848,43 US-Dollar.

Die EZB entzieht dem Geldmarkt erneut Milliarden, die Zinsen sinken aber weiter.

4. Jänner 2008: Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller sieht die Verantwortung für die internationale Finanzkrise in erster Linie bei den Bank-Managern: „Die Hauptschuld tragen ganz klar die Banker, die riskante Wertpapiere gekauft haben und sich über die Tragweite der Risiken nicht voll bewusst waren.“

7. Jänner 2008: Ungeachtet der Finanzkrise sehen die Notenbanken der zehn führenden Industrieländer die Weltwirtschaft in guter Form. Die Risiken für den Aufschwung seien aber gestiegen. Dazu zählten eine deutliche Korrektur an den Finanzmärkten und weiter steigende Rohstoffpreise.

11. Jänner 2008: Die Bank of America übernimmt für 4 Mrd. US-Dollar den größten, aber schwer angeschlagenen Immobilienfinanzierer des Landes, Countrywide Financial.

Die US-Aktienmärkte präsentieren sich mit dem schlechtesten Jahresstart seit 1932 und gehen mit deutlichen Verlusten aus der ersten Handelswoche. Auch in Europa setzt sich die schlechte Stimmung an den Börsen fort.

13. Jänner 2008: Die deutsche Bundesregierung senkt ihre Konjunkturprognose für 2008 erneut. Inzwischen rechnet sie nur noch mit 1,8 Prozent Wirtschaftswachstum.

15. Jänner 2008: Professionelle Anleger und Analysten bewerten die Aussichten für die deutsche Wirtschaft zu Jahresanfang so negativ wie seit fast 15 Jahren nicht mehr.

Die von der US-Immobilienkrise angeschlagene Citigroup schreibt für das 4. Quartal 2007 rund 18 Mrd. US-Dollar ab und macht einen Verlust von 9,83 Mrd. US-Dollar.

Regelrecht panisch reagieren Anleger in Deutschland auf Subprime-Abschreibungen der Hypo Real Estate (HRE). Die Aktien des Immobilienfinanzierers brechen um knapp ein Drittel ein. Das ist einer der größten Kursstürze, die bisher im DAX vorkamen. Durch die Neubewertung des US-Portfolios brach das Ergebnis vor Steuern um ein Viertel auf 890 Mio. Euro ein.

16. Jänner 2008: „Den Höhepunkt der Finanzkrise erwarte ich erst für Mitte des Jahres“, ist der deutsche Wirtschaftsweise Peter Bofinger überzeugt.

Im Strudel der Kreditkrise sind die Häuserpreise in Großbritannien auf das tiefste Niveau seit der Rezession Anfang der 1990er Jahre gesunken.

Experten rechnen mit einer Ausweitung der internationalen Finanzkrise auch auf andere Branchen. „Das wird natürlich Auswirkungen für die Gesamtwirtschaft haben“, so der Bankenexperte Wolfgang Gerke.

17. Jänner 2008: Die großen europäischen Industriestaaten arbeiten an einem umfangreichen Reformpaket, um die Folgen der großen Kreditkrise an den Finanzmärkten einzudämmen. Unter anderem wollen Großbritannien, Deutschland, Italien und Frankreich die Rolle des Internationalen Währungsfonds (IWF) bei der Krisenvorbeugung stärken, mehr Transparenz von den Banken einfordern und die Rolle der Ratingagenturen überprüfen.

18. Jänner 2008: Die Krise an den Kreditmärkten wird den Banken weltweit nach Einschätzung der Ratingagentur Standard & Poor‘s (S&P) noch bis 2009 schwer zu schaffen machen.

Banken rechnen mit weiterer Straffung ihrer Kreditvergabe-Standards. Gleichzeitig erwarten die Institute einen weiteren Rückgang der Kreditnachfrage von Firmen und Haushalten.

21. Jänner 2008: Die dänische Regierung sagt die geplante Teilprivatisierung des Energiekonzerns Dong Energy wegen der zunehmenden internationalen Finanzkrise bis auf weiteres ab.

Die deutsche Commerzbank kündigt infolge der Finanzkrise weitere Abschreibungen an.

Der Deutsche Aktienindex (Dax) bricht um bis zu 5,7 Prozent ein. Dies ist bisher einer der größten Kursverluste für den Dax an einem Tag.

Die Eigentümer der WestLB müssen das Institut mit zwei Mrd. Euro stützen. Weiterer Abschreibungsbedarf wird nicht ausgeschlossen.

22. Jänner 2008: Die US-Notenbank Fed senkt angesichts der grassierenden Rezessionsangst ihren Schlüsselzins überraschend um 75 Basispunkte auf 3,5 Prozent.

23. Jänner 2008: Nach der außerplanmäßigen Zinssenkung der US-Notenbank hagelt es vor dem Hintergrund der anhaltenden Marktturbulenzen Kritik an der Rolle der Währungshüter in der Finanzkrise. „Die Zentralbanken haben die Kontrolle verloren“, so der Milliardär und Großinvestor George Soros.

24. Jänner 2008: Ein milliardenschwerer Betrugsfall im eigenen Aktienhandel erschüttert die französische Großbank Societe Generale. Das zweitgrößte Institut des Landes teilt mit, der daraus entstandene Verlust belaufe sich auf 4,9 Mrd. Euro.

25. Jänner 2008: Die Internationale Arbeitsorganisation ILO befürchtet weltweit mehr Arbeitslose. Die Arbeitslosenrate steige möglicherweise auf ein höheres Niveau als je zuvor. Die globale Erwerbslosenzahl könnte auf 195 Millionen steigen.

27. Jänner 2008: Bis zu 20.000 Angestellten in der Londoner City droht der Jobverlust.

29. Jänner 2008: Der britische Schatzkanzler Alistair Darling will nach der Krise um die britische Hypothekenbank Northern Rock die Finanzaufsicht seines Landes reformieren.

Experten der Wirtschaftsberatung Deloitte halten einen weltweiten Konjunktureinbruch für unwahrscheinlich.

Die Europäische Union will als Lehre aus der Finanzkrise die erst seit kurzem geltenden neuen Eigenkapitalregeln der Banken ändern.

Das US-Repräsentantenhaus billigt mit großer überparteilicher Mehrheit ein 146 Mrd. US-Dollar schweres Konjunkturprogramm.

Die vier führenden europäischen Industrienationen Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien sowie die EU-Kommission fordern ein Frühwarnsystem, um Krisen rechtzeitig zu erkennen.

30. Jänner 2008: Die Immobilienkrise hat die US-Wirtschaft Ende 2007 überraschend deutlich gebremst und die Angst vor einer Rezession verstärkt. Die weltgrößte Volkswirtschaft wuchs im vierten Quartal 2007 nur noch mit einer Jahresrate von 0,6 Prozent nach 4,9 Prozent im dritten Quartal.

Die Banken auf Island geraten immer mehr in Schwierigkeiten. Die Kaupthing-Bank sagt die Übernahme der niederländischen NIBC-Bank für etwa drei Mrd. Euro ab.

Die Ratingagentur Standard & Poor‘s (S&P) warnt vor trüberen Gewinnaussichten für die Deutsche Bank und andere europäische Geldhäuser.

Die US-Notenbank Fed senkt ihren Leitzins unter dem Eindruck einer deutlichen Konjunktureintrübung zum zweiten Mal in nur acht Tagen neuerlich deutlich um 50 Basispunkte auf 3,00 Prozent.

31. Jänner 2008: Deutschland und Spanien fordern Konsequenzen aus der jüngsten Finanzkrise. Im internationalen Finanzsystem sei mehr Transparenz notwendig.

(Den 1. Teil der Chronologie inklusive Hintergründe versandte die APA am 3. März 2017 (APA033), den 2. Teil am 13. April (APA030), den 3. Teil am 2. Juni (APA020), den 4. Teil am 28. Juli (APA259 und APA284) und den 5. Teil am 23. November (APA033).)


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