„Siegfried“: Höhepunkte im Graben und Höhenprobleme auf der Bühne

Wien (APA) - Stimmlich wurde das zweite Drittel zur Hängepartie: Das „Ring“-Experiment des Theaters an der Wien (TaW) krankte am Samstagaben...

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Wien (APA) - Stimmlich wurde das zweite Drittel zur Hängepartie: Das „Ring“-Experiment des Theaters an der Wien (TaW) krankte am Samstagabend in Teil 2 des als Trilogie neuarrangierten Mammutprojekts an manch sängerischer Schwäche. Und auch inszenatorisch erwies sich „Siegfried“ nach „Hagen“ als weniger zwingend. Die Stars des Abends saßen diesesmal klar im Graben.

Hatte der Trilogieauftakt am Freitag mit dem Zusammenschnitt seiner Szenen den ansonsten oft unterbelichteten Hagen ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt und neue Perspektiven eröffnet, hält sich „Siegfried“ doch in weiten Teilen an „Siegfried“, sprich den originalen Wagner. Was in der Vorlage erzählt wird, wird nun gleichsam als Rückblende gespielt.

Dazu hat Regisseurin Tatjana Gürbaca mit ihrem Team eine schlaue Bühnenkonstruktion entworfen, die sich von der kupfernen Mime-Höhle mit dem Fallen einer Wand zum Haus Hundings im Stile von Anna Viebrock wandelt, das sich später wiederum zum Frühlingsgarten öffnet. Gepaart ist diese Ästhetik allerdings immer wieder mit unfreiwilliger Komik, wenn etwa das Schwert Nothung ein Brotmesser ist, das nicht in der Esche, sondern in der Couch steckt.

Das Küchenutensil stellte allerdings das geringere Problem des Abends dar, sondern eher Teile der Sängerriege. Tendenziell waren wie schon am ersten Abend die Bösen die Besseren: Marcel Beekman - im TaW noch als legendäre „Platee“ aus 2014 in bester Erinnerung - ist erneut mit schnarrendem Tenor ein grandios-winseliger Mime, während Stefan Kocan einen unerschütterlichen Hunding und Fafner gibt, sicher, warm und entspannt. Und schließlich liefert Daniel Brenna ungeachtet einiger Höhenprobleme eine solide Leistung in der Mammutpartie des Siegfried ab.

Bei Mama ist das allerdings anders: Die lettische Sopranistin Liene Kinca zeigte am Samstag als Sieglinde zwar eine passable Mittellage, war in den Höhenlagen ihrer Rolle jedoch nicht gewachsen. Den Satz des mit ihr flirtenden Siegmund - „O lieblichste Laute, denen ich lausche“ - hätte im Publikum zu diesem Zeitpunkt wohl niemand unterschrieben. Allerdings zeigte sich auch Siegmund selbst in Gestalt von Daniel Johansson stimmlich angestrengt, wenig im Fluss. Und auch Ingela Brimberg musste sich trotz der kleineren Orchesterklänge als Brünnhilde erstaunlich mühen, um in den Publikumsbereich zu schallen.

Und so kamen, während oben mit den Höhen gekämpft wurde, die Höhepunkte aus dem Graben, wo das RSO unter Constantin Trinks frisch, zupackend und für die auf 62 Musiker reduzierte Besetzung überraschend vollklanglich seinen „Ring“ interpretierte. Die Conclusio: Nach dem zweiten Drittel steht es 1:1. Die Entscheidung über das Gesamtprojekt eines „Ring“-Neuarrangements fällt somit in der Schlussphase. Und die stellt am Sonntagabend die „Brünnhilde“ dar.

(S E R V I C E - Ring-Trilogie „Siegfried“ nach Richard Wagner im Theater an der Wien, Linke Wienzeile 6, 1060 Wien. Musikalische Leitung des RSO: Constantin Trinks, Regie: Tatjana Gürbaca, Bühne: Henrik Ahr, Kostüme: Barbara Drosihn, Licht: Stefan Bolliger. Mit: Daniel Brenna - Siegfried, Liene Kinca - Sieglinde, Stefan Kocan - Hunding/Fafner, Ingela Brimberg - Brünnhilde, Aris Argiris - Wotan/Wanderer, Marcel Beekman - Mime, Daniel Johansson - Siegmund und Mirella Hagen - Waldvogel. Weitere Aufführungen der Trilogie: „Brünnhilde“ am 3., 10., 19. und 31. Dezember, „Hagen“ am 7., 17. und 29. Dezember sowie „Siegfried“ am 9., 18. und 30. Dezember. Sendetermine auf Ö1: „Hagen“ am 8. Dezember, „Siegfried“ am 9. Dezember und „Brünnhilde“ am 10. Dezember jeweils ab 19.30 Uhr. www.theater-wien.at)


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