Friedensnobelpreis

Nobelpreis für Kampf gegen „Pilzwolke der Angst“ verliehen

Jurorin Berit Reiss-Andersen (l.) überreicht ICAN-Chefin Beatrice Fihn (r.) und der Hiroshima-Überlebenden Setsuko Thurlow den Friedensnobelpreis.
© AFP

Wir sind, warnen die Anti-Atomkämpfer, nur einen Wutanfall von einer nuklearen Katastrophe entfernt. Dennoch zögern viele Staaten, Atomwaffen zu verbieten. Ican will das durchsetzen - und bekommt dafür den Friedensnobelpreis.

Von Theresa Münch, dpa

Oslo – Heute sind sie eine diffuse, eine gefährlich leicht zu unterschätzende Bedrohung. Die JapanerinSetsuko Thurlow jedoch hat die todbringendeKraft der Atombombe selbst erlebt. Bei der Verleihung des Friedensnobelpreises in Oslo nimmt die 85-Jährige ihre Zuhörer in einer hoch emotionalen Rede mit ins Hiroshima ihrer Kindheit 1945. „Der Gestank verbrannten Menschenfleisches erfüllte die Luft“, beschreibt die resolute Frau mit den dunklen Haaren. Zusammenmit der Direktorin derInternationalenKampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN), Beatrice Fihn, nimmt sie am Sonntag den Friedensnobelpreis 2017 entgegen.

Die Anti-Atomwaffen-Kämpfer werden ausgezeichnet, weil sie sichbahnbrechend für ein weltweites vertragliches Verbot solcher Waffen einsetzen – auchgegen den Widerstand der Atommächte und vieler anderer Länder. ICAN wirkte maßgeblich am UN-Vertrag zum Verbot von Atomwaffen mit, der im Juli unterzeichnet wurde und von 122 Staaten unterstützt wird.

Die vermutlich neun Atommächte undfast alle NATO-Staaten – darunter auch Deutschland – tragen diesen Vertrag allerdings nicht mit. Solange es Staaten gebe, die Atomwaffen als militärisches Mittel ansähen und Europa davon bedroht sei, bestehe die Notwendigkeit einer nuklearen Abschreckung, hatte die deutsche Regierung erklärt.

Die Botschafter der USA, Großbritanniens und Frankreichs fehlen bei der Zeremonie inOslo. Thurlow sagt auch ihnen ganz deutlich: „Alle verantwortungsvollen Anführer werden diesen Vertrag unterzeichnen. Und die Geschichte wird diejenigen hart richten, die ihn ablehnen.“ Die Entwicklung von Atomwaffen sei kein Zeichen für den Aufstieg eines Landes, sondern für seinen Abstieg „in die dunkelsten Tiefen der Verdorbenheit“.

Auch dem Nobelpreiskomitee ist klar, dass es in diesem Jahr wieder eine umstrittene Wahl getroffen hat.„Der Vertrag hat mächtige Gegner, doch die Idee, Atomwaffen zu verbieten und abzuschaffen, ist weder neu noch naiv“, betontJurorinBerit Reiss-Andersen jedoch. Das Komitee glaube, dass ein internationaler Bann der vielleicht entscheidende Schrittzu einer Welt ohne Atomwaffen sein werde.

Appell an die Atommächte

Die Welt lebe derzeit nur einen impulsiven Wutanfall von der gegenseitigen Zerstörung entfernt, sagt Fihn. Siefordert die Atommächte namentlichauf, das Verbot zu unterstützen.„USA, wählt Freiheit vor Angst“, sagt sie. „Russland, wähleAbrüstung vor Zerstörung. Großbritannien, wähleGesetze vor Unterdrückung. Frankreich, wähleMenschenrechte vor Terror. China, wähle Vernunft vor Irrationalität. Indien, wähle Sinn vor Sinnlosigkeit. Pakistan, wähle Logik vor Armageddon. Israel, wähle gesunden Menschenverstand vor Vernichtung. Nordkorea, wähle Weisheit vor Ruin.“

ICANs Haupt-Botschaft sei, dass eine Welt mit Atomwaffen niemals sicher sein könne, sagt die Nobelpreisjury. Das sei heute angesichts der Situation in Nordkorea aktueller denn je.Die Bedrohung sei sogar größer als zu Zeiten des Kalten Krieges, meintFihn. „Ein Moment der Panik oder Nachlässigkeit, ein missverständlicher Kommentar oder ein verletztes Ego können leicht zur unaufhaltsamen Zerstörung ganzer Städte führen“, warnt sie.

Für den Einsatz gegen Atomwaffen wurden bereits zwölf andere Friedensnobelpreise vergeben. Seit Hiroshima und Nagasaki sei klar, dass diese Waffen niemals wieder genutzt werden dürften, sagt die Jury. Doch eine Garantie dafür gebe es noch immer nicht.

Nie wieder eine „Pilzwolke der Angst“

Die alte Japanerin Thurlow hilft im Osloer Rathaus mit fester Stimme zumindest, die Bedrohung als real zu sehen.„Ich möchte, dass Sie die Präsenz all derer hierspüren, die in Hiroshima und Nagasaki umgekommen sind“, sagt sie. „Ich möchte, dass Sie über und um uns herum die große Wolke von einer Viertelmillion Seelen fühlen. Jede Person hatte einen Namen. Jede Person wurde von jemandem geliebt. Lassen Sie uns sicherstellen, dass sie nicht umsonst gestorben sind.“ Sie wolle nie wieder unter einer „Pilzwolke der Angst“ leben.

Stichwort: Der Friedensnobelpreis

Der Friedensnobelpreis gilt als wichtigste politische Auszeichnung der Welt. Ins Leben gerufen wurde er von dem 1896 gestorbenen schwedischen Dynamit-Erfinder Alfred Nobel. Er beauftragte das norwegische Parlament in seinem Testament, jährlich bis zu drei Persönlichkeiten oder Organisationen für ihre Verdienste um die Menschheit zu ehren.

Die Auszeichnung für Frieden wird als einziger der fünf Nobelpreise im norwegischen Oslo statt in der schwedischen Hauptstadt Stockholm vergeben. In diesem Jahr geht sie an die Anti-Atomwaffenkampagne ICAN, die wesentlich am UNO-Vertrag zu einem Atomwaffenverbot mitgewirkt hatte. Diesen Vertrag tragen die Atommächte und die NATO-Staaten allerdings nicht mit.

Der Preisträger wurde bereits im Oktober bekannt gegebenen, erhält Medaille und Urkunde traditionell aber erst am Todestag Nobels, dem 10. Dezember. Dazu gibt es ein Preisgeld von neun Millionen schwedischen Kronen (902.074,77 Euro).