Anarchisten-Herrschaft in Katalonien im spanischen Bürgerkrieg

Barcelona (APA) - Zu den Besonderheiten Kataloniens und seiner Geschichte zählt eine Episode, die wie vieles aus der Zeit des spanischen Bür...

Barcelona (APA) - Zu den Besonderheiten Kataloniens und seiner Geschichte zählt eine Episode, die wie vieles aus der Zeit des spanischen Bürgerkriegs (1936-39) nicht wirklich aufgearbeitet ist: Das letztlich gescheiterte Experiment eines anarcho-syndikalistischen Systems.

Zu spüren sind seine Nachwirkungen vielleicht noch im vielerorts vorhandenen Geist der Rebellion gegen Obrigkeiten und Zentralismus, in der Hausbesetzerszene oder der Protestbewegung der „Indignados“ (Die Empörten). Auch das liberale Gesellschaftsklima vor allem in Barcelona mag dazugehören. Doch auch die Schattenseiten dieser Zeit sollten nicht vergessen werden.

Der deutsche Autor Hans Magnus Enzensberger hat dieser Episode ein 1977 erschienenes Buch gewidmet: „Der kurze Sommer der Anarchie“. Dieser dauerte von Juli bis Oktober 1936. Zentrale Figur in Enzensbergers Buch ist der legendäre Revolutionär Buenaventura Durruti, der im November 1936 an der Front in Madrid unter umstrittenen Umständen ums Leben kam.

Als sich im Juli 1936 unter Führung von General Francisco Franco nationalistische Truppen gegen die Republik und ihre demokratisch gewählte linke Regierung erhoben, kam es auch in Barcelona zum bewaffneten Kampf, bei dem die Gewerkschaft CNT und ihr bewaffneter Arm FAI siegten, wozu in hohem Maß Durruti beitrug. Dieser Sieg führte zur ersten und einzigen anarcho-syndikalistischen Selbstverwaltung einer politischen Region in Europa.

Voraussetzung dafür war, dass der Anarchismus in Katalonien eine breite Anhängerschaft fand - anders als in anderen Teilen Spaniens, in denen sich viele Industrie- und Landarbeiter nach marxistischem Vorbild organisierten. Geistige Väter des katalanischen Anarchismus waren unter anderen die russischen Theoretiker Michail Bakunin und Pjotr Kropotkin.

Ein wesentlicher Faktor für das Erstarken des Anarchismus in Katalonien während der Zweiten Spanischen Republik war auch, dass sich die im Februar 1936 gewählte Volksfrontregierung an der Zentralmacht in Madrid orientierte.

Dagegen gab es in Katalonien unter der armen Bevölkerung eine lange Tradition gegenseitiger Hilfe und Solidarität sowie die eines katalanischen Selbstbewusstseins. Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert kam es zu Anschlägen und Aufständen von Anarchisten, die in der „Tragischen Woche“ von 1909 in Katalonien gipfelten.

Das Ideal der Anhänger der anarcho-syndikalistischen CNT (Confederacion Nacional del Trabajo) war eine Herrschaft der Basis, ohne Regierung, in der die Befehlskette von unten nach oben laufen sollte. Aller Besitz sollte aufgeteilt, jeder in den Arbeitsprozess eingebunden werden, Nahrung und lebenswichtige Güter allen zugute kommen, das Geld abgeschafft werden.

Schon in den Jahren vor dem Bürgerkrieg erprobte die CNT neue Erziehungsmodelle. Diese orientierten sich an der vom 1909 hingerichteten katalanischen Anarchisten und Pädagogen Francisco Ferrer y Guardia 1901 gegründeten „Escuela Moderna“ (Moderne Schule), wo nach anti-autoritären und weltlich-rationalen Prinzipien unterrichtet wurde.

In den Jahren der Republik trat die CNT auch für die Gleichberechtigung der Geschlechter sowie freie Sexualität ein. Zudem wurde den vor allem auf dem Land herrschenden feudalen Strukturen, der allmächtigen katholischen Kirche und dem Militarismus der Kampf angesagt.

Doch, wie auch so manche andere gesellschaftliche Utopie, sollte auch Kataloniens anarchistisches Modell, nachdem es in die Realität umgesetzt worden war, in Schrecken und Blut scheitern.

Nach dem raschen Sieg über die aufständischen Militärs im Juli 1936 fiel Katalonien in einen Begeisterungstaumel. Massendemonstrationen, angeführt von CNT und FAI wälzten sich unter den Rufen „Es lebe die Anarchie“ durch Barcelona. Die politischen Strukturen lösten sich auf.

Die Anarchisten beherrschten die Straßen, sie öffneten die Gefängnisse, schließlich setzte eine Terrorherrschaft ein. Zahlreiche Vertreter des alten Systems, Kleriker, Aristokraten, Großgrundbesitzer, Unternehmer und alle wirklichen und vermeintlichen Feinde der neuen Herren wurden verhaftet, viele von ihnen umgebracht. Wer eine Krawatte trug, riskierte die Festnahme.

Zahlreiche Kirchen und Klöster in Katalonien wurden verwüstet, wertvolle Kunstschätze zerstört. Es kam zu Mordaufrufen an Vertretern der Kirche. Während der gesamten Bürgerkriegszeit wurden in Katalonien rund 2.500 Bischöfe, Priester, Mönche und Nonnen ermordet.

CNT und FAI zwangen den Präsidenten der katalanischen Regionalregierung („Generalitat“), Lluis Companys (er wurde 1940 unter Franco hingerichtet), einem „Komitee der antifaschistischen Milizen“ die Macht zu überlassen. Es wurden sogenannte „Volksgefängnisse“ („Checas“) eingerichtet, in denen politische Gegner eingesperrt wurden. In dieser Zeit wurden in Katalonien rund 9.000 Menschen ermordet.

Wegen der chaotischen Zustände litt die Kriegsführung gegen die aufständischen Militärs. Im Oktober 1936 wurden zur Koordination der oft zerstrittenen „antifaschistischen Milizen“ „Politkommissare“ eingesetzt. Diese waren in zunehmendem Maße moskauhörige Kommunisten. Sie wurden nach und nach zur beherrschenden Kraft in den republikanischen Gebieten.

Im Mai 1937 kam es schließlich zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen zwischen den mit Josef Stalins Sowjetunion verbündeten Kommunisten und Sozialisten einerseits sowie den Anarcho-Syndikalisten und der trotzkistischen POUM andererseits. Unter dem spanischen Ministerpräsidenten Juan Negrin wurden letztere politisch und auch physisch ausgeschaltet. Der katalanische POUM-Führer Andres Nin verschwand spurlos.

Die republikanische Zentralregierung, die im November 1936 wegen des Vormarsches der Franco-Truppen ihren Sitz von Madrid nach Valencia verlegt hatte, übersiedelte im Oktober 1937 nach Barcelona. Ungeachtet der Unterstützung durch die Internationalen Brigaden und sowjetische Waffenlieferungen konnte sie den mit Nazi-Deutschland und dem faschistischen Italien verbündeten Franco-Truppen nicht standhalten. Nach schweren Luftangriffen fiel Barcelona am 26. Jänner 1939. Am 28. März ergab sich auch Madrid.