Literatur

Der Exodus der Denker

Katja und Thomas Mann bei der Atlantiküberfahrt.
© Thomas-Mann-Archiv/ETH Zürich

Der Journalist Herbert Lackner beschreibt in einem Sachbuch, wie Europas Künstler und Wissenschafter den Nazis entkamen. Das ist nicht nur lehrreich, sondern auch spannend.

Von Alexandra Plank

Innsbruck –Längst gilt es als erwiesene These, dass das Naziregime mit der Hatz gegen die Juden einen beträchtlichen Teil des kulturellen Reichtums aus Österreich und Deutschland vertrieben hat. Wobei einigen noch rechtzeitig vor dem Einmarsch die Flucht gelungen ist. Herbert Lackner, langjähriger Chefredakteur des profil, hat den oft beschwerlichen Weg von Geistesgrößen wie Franz Werfel und seiner Frau Alma Mahler-Werfel, Alfred Polgar, dem Mann-Clan bis hin zu Friedrich Torberg und Billy Wilder nachgezeichnet.

Der Journalist lässt keinen Zweifel daran, dass die damalige Vertreibung kein Alleinstellungsmerkmal in der Geschichte hat, sondern es meist die Intellektuellen eines Landes sind, die problematische Entwicklungen als Erstes erkennen, aber auch am schnellsten zur Zielscheibe von Diktaturen werden, sofern sie sich deren menschenverachtlichen Maximen nicht unterwerfen.

Neben dem Umstand, dass das Buch aufzeigt, bis zu welchem Grad Wien in der Zwischenkriegszeit auch nur ein Dorf war, in dem gerade die Intellektuellen in eng gesteckten Zirkeln verkehrten, wird deutlich, dass Flüchtlinge auch damals von sicheren Ländern nicht mit offenen Armen aufgenommen wurden. Die einstigen Bilder gleichen den Bildern von heute: Flüchtlinge, die sich über Gebirgszüge schleppen, die in klapprigen Kähnen über die Weltmeere fahren, an Grenzzäunen scheitern, um Aus- und Einreisepapiere kämpfen. Oft werden sie auf der Flucht auch von ihren Kindern getrennt oder in das Ursprungsland zurückgeschickt, wo sie der Tod erwartete.

In den USA, das sich auch nicht aktiv um die Flüchtenden bemühte, nimmt eine großartige private Rettungsaktion ihren Anfang: Im Juni organisiert Thomas Mann von New York aus die Rettung der geistigen Elite. Den jungen Amerikaner Varian Fry schickt er ausgestattet mit einer Liste mit 200 Namen nach Frankreich, um die Denker und Wissenschafter in Sicherheit zu bringen. Ein echtes Himmelfahrtskommando, wie es Lackner in seinem spannenden Buch beschreibt. Letztlich konnten Fry und seine Helfer 2000 Menschen das Leben retten.

Zu Fuß über die Pyrenäen – das war zu dem Zeitpunkt der einzige Fluchtweg nach Spanien. Die Werfels und Manns machten sich mit ortskundiger Hilfe auf den Weg. Alma Mahler-Werfel mit den Originalpartituren ihres Mannes und der Dritten von Anton Bruckner in der Tasche. In Sandalen und weißem Kleid, Werfel schwer atmend und keine körperliche Anstrengung gewöhnt, Heinrich Mann, 70 Jahre alt und in keiner guten Verfassung.

In einem hochinteressanten Dossier schlüsselt Lackner auf, wie es mit den im Buch erwähnten Personen weiterging. Es mag verwundern, dass eine Vielzahl der Intellektuellen nach Kriegsende nach Europa zurückkehrten. Wie Thomas Mann, der in der Schweiz lebte. Sein Sohn Golo hatte seinen Onkel Heinrich 1940 im Zuge von Frys Rettungsaktion über die Pyrenäen geschleppt. Er kehrte nach Deutschland zurück, lebte aber in der Schweiz und beriet als geachteter Historiker den Sozialdemokraten Willy Brandt und später – als Kontrast – CSU-Chef Franz Josef Strauß. Die sozialistische Elite Österreichs kommt auch prominent vor. Darunter Sozialdemokrat Otto Binder, den Bruno Kreisky nach Schweden holen konnte und dem dort 1943 eine Tochter namens Margit geboren wurde, die Heinz Fischer heiratete und lange Österreichs First Lady war. Nicht zuletzt ihr Schicksal hat den Journalisten zum Buch veranlasst.

Dieses schließt mit einem Interview mit John Sailer und Thomas Lachs, die als Kinder auf der Flucht vor den Nazis gewesen waren. Die beiden erfolgreichen Männer – Sailer ist Galeriebesitzer, Lachs war Direktor der Oesterreichischen Nationalbank – prägen diese Erfahrungen noch heute. Die Frage, ob sie nach ihrer Rückkehr neuerlich mit Antisemitismus konfrontiert gewesen seien, verneinen sie. Lachs erzählt, wie ein „Klassen-Nazi“ böse Bemerkungen über einen Juden gemacht habe, der drei Jahre zuvor narbenübersät aus dem KZ gekommen sei und wie dieser den Nazi verdroschen habe. Dann sei der katholische Religionslehrer gekommen und habe dem Antisemiten auch noch die Leviten gelesen. So ambivalent war Wien, schließt Lachs. Das ist es bis heute, vor allem in der Flüchtlingsfrage.

Sachbuch Herbert Lackner: Die Flucht der Dichter und Denker. Wie Europas Künstler und Wissenschaftler den Nazis entkamen. Ueberreuter, 220 Seiten; 23,60 Euro.