Luxus für kleine Menschen
Alexander Payne bemüht auch in seiner Science-Fiction-Satire „Downsizing“ eine Variation seines Lebensthemas – die Tragödie eines gedemütigten Mannes.
Von Peter Angerer
Innsbruck –Oft beginnt das Unglück für einen Filmregisseur, wenn ein mächtiger Produzent die Finanzierung eines Projekts von der auf zwei Sätze komprimierten Story abhängig macht. Alexander Payne, der Kultregisseur des amerikanischen Independent-Kinos, könnte da von einem norwegischen Wissenschafter erzählt haben, der ein Serum zum Schrumpfen der Menschen erfindet. Der Satz „Das ist Science-Fiction!“ lässt viel Spielraum für spekulative Investitionen. Immerhin konnte Payne für „Downsizing“ ein 70-Millionen-Dollar-Budget ergattern, allerdings hat er noch nie den Film geliefert, der einmal vereinbart worden war.
Es sind von ihren Frauen gedemütigte Helden, die durch Paynes Filme taumeln, bis sie gelernt haben, sich mit der Schäbigkeit ihrer Existenz zu versöhnen. In „About Schmidt“ (2002) leidet Jack Nicholson als Pensionist und Witwer einer untreuen Frau, bis ihn die anonyme Zuneigung eines afrikanischen Kindes aus seiner Lethargie befreit. In „Nebraska“ macht sich Bruce Dern als dementer Pensionist auf, um einen Gewinngutschein einzulösen, der nur zur Bestellung eines Zeitschriftenabos taugt. In „The Descendants“ lebt der von George Clooney gespielte Matt King immerhin im Paradies, doch „auf Hawaii sehen die meisten Millionäre wie Penner aus“.
Auch Paul Safranek (Matt Damon) könnte in „Downsizing“ als Chirurg ein Millionär sein, aber an den entscheidenden Kreuzungen des Lebens ist er falsch abgebogen und arbeitet als Physiotherapeut in einer Fleischfabrik. Seine Frau Audrey (Kristen Wiig) wünscht sich ein schöneres Haus, aber von seinem Sachbearbeiter bei der Bank muss er sich verhöhnen und zur Bescheidenheit ermahnen lassen. Neuerdings gibt es diese Leisureland-Partys, bei denen die Miniaturisierung des organischen Lebens beworben wird, wodurch sich die aktuellen Probleme der Menschheit wie Überbevölkerung und Klimakatastrophe mit einer Spritze lösen lassen. Wer sich für eine künftige Größe von etwa zwölf Zentimetern entscheidet, wählt auch die bessere Welt. Ressourcen werden geschont, der Abfall hält sich in Grenzen. Mit dem unumkehrbaren Schrumpfungsprozess ist zudem mit einem bescheidenen Guthaben der Aufstieg zum Millionär samt der Übersiedlung vom biederen Reihenhaus in eine Villa im Märchen-Stil im Leisureland-Resort in New Mexico verbunden.
Es ist diese kleinbürgerliche Vision eines Lebens in Luxus, ohne jemals wieder arbeiten zu müssen. Stars wie Laura Dern schwärmen von Platinkollektion zum Spottpreis. Die Safraneks sind überzeugt und wagen den großen Schritt in die winzige Existenzform. Aber kaum wird Paul mit einem Kuchenmesser vorsichtig aus dem Aufwachraum geschaufelt, ist Audrey verschwunden. Leisureland ist nicht gerade ein Schwindel, doch unter der „Truman Show“-Glaskuppel, die vor tödlichen Angriffen durch Insekten oder Vögel schützt, dominieren genau jene Menschen, die schon in der Welt der Großen das Sagen hatten.
Mit sardonischem Übermut reißt Christoph Waltz als Dusan Mirkovic vorübergehend den Film an sich. Der serbische Strizzi und Partykönig kontrolliert für seinen Clan den Zigarren- und Alkoholmarkt. Dusans Putzfrau Ngoc Lan Tran (Hong Chau) erzählt eine ganz andere Geschichte von „Downsizing“. Die Vietnamesin wurde als politische Aktivistin zwangsverkleinert, auf ihrer Flucht in einem TV-Karton hat sie ein Bein verloren. Als Mutter Teresa der Slums von Leisureland versorgt sie die überwiegend hispanischen Flüchtlinge hinter der großen Mauer mit abgelaufenen Lebens- und Arzneimitteln. Paul kann nur hilflos wie Kafkas Landvermesser hinterhertrotten. Vielleicht liegt es am großen Budget, vielleicht liegt es an Matt Damon, der vor allem neben Hong Chau erstaunlich blass bleibt, dass die Satire über den Slogan „Make America great again“ und die herrschenden Verhältnisse nicht aufgeht. Es sind dann auch die Trickaufnahmen über die Größenunterschiede komischer als die Tragödie des lächerlichen, kleinen Mannes.