Zwischen den Zeiten lesen
„14 Tage Tirol 1918“ stehen im Zentrum einer musikalischen Lesung im Studio 3.
Innsbruck –Im November 1918 war die Welt im Umbruch, wurde die Monarchie zu Grabe getragen und die Erste Republik aus der Taufe gehoben – doch im Herbst vor 100 Jahren wurde nicht nur Geschichte, sondern auch Alltagsgeschichte geschrieben. Und auf diese konzentriert sich die Lesung „14 Tage Tirol 1918“, die am Mittwoch im Studio 3 über die Bühne geht: Rainer Egger und Johann Nikolussi vertiefen sich dabei – musikalisch von Martin Ohrwalder und Philipp Ossanna unterstützt – in Zeitungsmeldungen des Allgemeinen Tiroler Anzeigers, die zwischen 9. und 23. November 1918 erschienen sind. Und ein vielschichtiges Tirol-Panorama liefern, das – im Sinne von Karl Kraus – als „Konserve der Zeit“ erscheint. Da werden „ordentliche Handlanger“ gesucht, wird nach „lebenden Fröschen zu hohen Preisen“ und einem „Wollschal für ältere Frau“ inseriert, ein „Kindermantel für Kohlen eingetauscht“ oder das Programm des Innsbrucker Stadttheaters angepriesen: Für die Operette „Polenblut“ gab’s am 9. November 1918 noch Karten.
Doch die historische Büchse birgt auch etliche Indizien für Schrecklichkeiten, die 1918 noch düstere Zukunftsmusik waren: So beschwört Richard Steidle, Mitglied der Tiroler Landesregierung und späterer Gründer der Tiroler Heimatwehr, in einer Meldung vom 21. November 1918 „die gelbe Gefahr“ herauf und behauptet in hetzerischem Ton, dass „unser Volk zum guten Teil wirtschaftlich und geistig der Herrschaft des Judentums verfallen ist“. Für Matthias Breit vom Gemeindemuseum Absam, wo die Idee für das mediale Tirol-Kaleidoskop entstand, wird hier „der Boden für die Radikalität der Nazis bereitet“ und auch die farbliche Codierung des Judensterns vorweggenommen. Das Leben des Austrofaschisten Steidle endete 1940 im KZ Buchenwald – die eigentliche Gefahr hatte er im Herbst 1918 nicht kommen sehen.
In den 65 Kurztexten, die in ihrer telegrammartigen Kürze teils Erinnerungen an die Twitter-Kultur von heute wecken, finden sich obendrein Hinweise auf die „Spanische Grippe“, die dereinst auch in Tirol grassierte, kommt die Wiedereinführung der Sonn- und Feiertagsruhe zur Sprache und werden die Anfänge der Innsbrucker Frauenbewegung dokumentiert. Geht es nach Matthias Breit, dann könnte dieses Tirol-Panorama, das auch die wachsende Bedeutung der Medien aufzeigt, durchaus in Serie gehen – und landauf, landab für lokale Museen adaptiert werden. Historisches Material gäbe es zur Genüge. (fach)