Krisen, Streiks und Magie

Auf der Suche nach „dem großen Ganzen“ beobachtete Jean-Stéphane Bron die magische Maschinerie der Pariser Oper.

Jean-Stéphane Bron sucht in seinem Dokumentarfilm „Oper – L’Opéra de Paris“ bei der Probenarbeit nach berührenden Momenten.
© Filmladen

Innsbruck –Nach Jahren der Missachtung als billiges Jahrmarktvergnügen suchte das Kino die gesellschaftliche Anerkennung durch die Architektur der Lichtspieltheater, die in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts nach dem Vorbild großer Opernhäuser errichtet wurden. Inzwischen ist Architektur kein Thema mehr, zumal ein neues Publikum mit veränderten Gewohnheiten den Bildschirm bevorzugt. Dafür sucht die Oper entweder für Übertragungen die lukrative Nähe des Kinos oder bestellt überhaupt einen Dokumentarfilm, um die Maschinerie eines Hauses oder schlicht „das große Ganze“ zu zeigen.

Der Schweizer Dokumentarfilmer Jean-Stéphane Bron, der mit seinen preisgekrönten gesellschaftspolitischen Filmen („L’Expérience Blocher“, 2013) vor allem im frankophonen Raum geschätzt wird, hat zwei Jahre lang die Arbeit in den beiden Häusern der Pariser Oper beobachtet. „Wie klingt das“, fragt etwa Stéphane Lissner, „wenn ich mit meiner Frau in die Oper gehe und dafür 460 Euro bezahlen muss?“ Das klingt in den Zeiten der Demokratisierung der Kunst und Forderungen aus dem Ministerium, beim Personal zu sparen, gar nicht gut. Aber M. Lissner ist der Direktor, der die Aufführungen auf einem Monitor im Büro oder bei Staatsbesuchen von der Präsidentenloge aus verfolgt.

Brons Kamera übernimmt bei den Streifzügen durch die Werkstätten und bei Probenbesuchen Lissners Perspektive, wenn etwa Krisen zu bewältigen sind. Die gibt es zahlreich. Der Chor in Arnold Schönbergs „Moses und Aaron“ weigert sich, vor einer Nebelmaschine zu singen, die Gewerkschaft reagiert auf eine Kündigungswelle mit einer Streikdrohung. In solchen Fällen verlangt der Direktor „Solidarität für die Kunst“. Die zweite Perspektive gehört zu Mischa Timoschenko, einem jungen Bass-Bariton aus Russland, der mit einem Stipendium ein Jahr lang mit leuchtenden Augen die magische Welt der Oper beobachten darf.

Für eine Wiederaufnahme von Wagners „Die Meistersinger“ ist Hans Sachs krankheitsbedingt ausgefallen, die Zweitbesetzung in Amerika unabkömmlich. Im Besetzungsbüro wird verzweifelt nach einem Sachs gesucht, bis endlich Michael Kupfer-Radecky gefunden wird, der 2015 in Erl überzeugen konnte. Kupfer-Radecky lässt sich Bart und Halskrause anpassen und muss sich vom Beckmesser Fragen zur Qualifikation gefallen lassen. „Ich habe Hans Sachs gerade bei den Tiroler Festspielen gesungen“, sagt Kupfer-Radecky. „Nie gehört“, sagt der Beckmesser, typisch Brite. Der Hinweis „It’s near to Munich“ ist nicht hilfreich und sollte Gustav Kuhn zu denken geben. (p. a.)

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