Wenn die Opferfalle zuschnappt

Literaturwissenschafter Daniele Giglioli über die Gefahren nationaler Opfererzählungen und „#MeToo“ als Akt der Selbstbehauptung.

Daniele Giglioli war Ende vergangener Woche Hauptredner beim Symposium „Opfernarrative in transnationalen Kontexten“ am Forschungszentrum „Kulturen in Kontakt“ der Universität Innsbruck.
© Foto Rudy De Moor / TT

Im Zentrum Ihres Buches „Die Opferfalle" steht ein bemerkenswerter Satz: „Das Opfer ist der Held unserer Zeit." Das klingt paradox.

Daniele Giglioli: Es ist paradox. Sagen wir es so: In den westlichen Gesellschaften spielt das Opfer inzwischen jene Rolle, die früher vermeintlichen oder auch echten Helden zugeschrieben wurde. Wir sind stolz darauf, etwas erlitten zu haben — Wunden, tatsächliche genauso wie symbolische, sind der Nachweis für Glaubwürdigkeit.

Eine besorgniserregende Entwicklung?

Giglioli: Das Opfer ist eine passive, per definitionem bedrohte Figur. Es verlangt nach Hilfe und Schutz. Wenn das Opfersein zum einenden Element einer Gesellschaft wird, ist das gefährlich. Und zwar ganz konkret: Demokratie basiert auf Rechten und Pflichten und sie setzt Beteiligung voraus. Aber ein Opfer muss sich nicht beteiligen, ein Opfer erleidet. Es handelt nicht. Was das bedeutet, lässt sich nach Wahlen an der Wahlbeteiligung ablesen.

Welche Gründe sehen Sie für diese Entwicklung?

Giglioli: Die Gesellschaft ist in den letzten Jahrzehnten fragmentarischer geworden, kleinteiliger. Die Sehnsucht, irgendwo dazuzugehören, gibt es aber nach wie vor, deshalb werden Erfahrungen verallgemeinert: Wir alle waren Charlie Hebdo. Wir besuchen das Museum in Auschwitz, glauben, nachfühlen zu können, was Menschen dort erlitten haben — und haben doch keine Idee davon. Aber auf das Gefühl, Opfer dunkler Mächte zu sein, darauf können wir uns einigen. Weil es uns nichts anderes abverlangt als das Gefühl, an nichts schuld zu sein.

Taugt Ihre These auch zur Erklärung des Rechtsrucks, der sowohl in den USA als auch in vielen Staaten Europas zu beobachten ist?

Giglioli: Sie steht im Kern der Entwicklung. Es wird nur mit Bedrohungsszenarien argumentiert. Und da, wo sie fehlen, werden sie konstruiert. Der Arbeiter, der seinen Job verliert, ist Opfer der Globalisierung. Er ist schwach, bedroht — und wählt diejenigen, die Stärke behaupten. Dadurch wird das Selbstverständnis des Opfers als Opfer weiter gestärkt. Die Möglichkeit, selbst zu handeln, wird negiert. Rationale Kategorien, die Frage nach Verantwortung oder Ähnlichem wird nicht mehr gestellt. Es geht nur noch um Gefühle. Um gefühlte Wahrheiten, die nicht mehr überprüft werden müssen. Und die keiner Überprüfung standhalten würden.

Neben gefühlten Opfern gibt es auch echte.

Giglioli: Natürlich — und deren Schicksal verlangt Res­pekt. Aber davon rede ich nicht. Mir geht es darum, dass es fatal ist, wenn sich eine Gesellschaft nur über Opfererzählungen definiert. Wenn sich das durchsetzt, brechen alle Schranken. Wenn man sich Entwicklungen in Mittel- und Osteuropa ansieht, wird das sehr deutlich: Dem Revisionismus ist Tür und Tor geöffnet, wenn man auf die eigene Opferrolle verweisen kann. Mein Volk hat einst unter Stalin oder Hitler gelitten, auch heute werden wir bedroht, also müssen wir mit allen Mitteln gegen vermeintliche Gefahren vorgehen. Das ist der erste Schritt in Richtung Autoritarismus. Und wenn dann etwas schiefgeht, ist es halt passiert und niemand verantwortlich, sondern alle sind Opfer einer Entwicklung, der sie nichts entgegensetzen konnten.

Was könnte man ihr entgegensetzen?

Giglioli: Aufklärung, Fakten, das Wissen, dass es letztlich der Widerstreit von Argumenten ist, der Antworten liefert. Und die Erkenntnis, dass alle Antworten vorläufig sind — und immer wieder neu verhandelt werden müssen.

Klassische Tugenden.

Giglioli: Moderne Tugenden. Die Moderne war ein dynamischer Prozess. Auch konservative Kräfte haben das akzeptiert: Sie beklagten ja gerade, dass sich die Dinge geändert haben.

Unter dem Hashtag „Me­Too" melden sich derzeit Tausende Opfer online zu Wort — und prangern mutmaßliche Täter an. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Giglioli: Wenn Opfer sich wehren, ist das ein Moment der Stärke. Man löst sich sozusagen vom Opferstatus, indem man ihn benennt. Insofern ist die „#MeToo"-Bewegung als Akt der Selbstbehauptung zu begrüßen. Das „Me" im Hashtag ist allerdings problematischer, weil es eben das „Ich" in den Mittelpunkt stellt — und das gesellschaftliche Problem, um das es geht, an den Rand drängt. So entsteht der Eindruck zahlloser „Einzelfälle". Aus einer rechtlichen Perspektive muss auch angemerkt werden, dass es für Beschuldigte die Möglichkeit geben müsste, sich zu verteidigen. Sonst ist es wie im Westernfilm: Es gibt nur Lynchen oder Aufhängen. Es ist eine zivilisatorische Errungenschaft, dass nicht das Opfer den Täter schuldig spricht, sondern eine dritte unabhängige Instanz. Trotzdem: Wenn nur ein Mann, der sich seiner Macht lange nur allzu genau bewusst war, künftig Angst haben muss, dass sein Verhalten nicht mehr geduldet wird, hat „#MeToo" sehr viel bewirkt.

Das Gespräch führte Joachim Leitner


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