Zermürbt von Wochen vergeblichen Hoffens

Vor der Premiere von Gian Carlo Menottis Oper „Der Konsul“ am Samstag im Großen Haus des Tiroler Landestheaters.

Noch scheint ein Leben möglich: Magda (Susanna von der Burg) mit dem Neugeborenen und der Mutter ihres Mannes (Anna Maria Dur).
© TLT/Larl

Von Ursula Strohal

Innsbruck –Eine Frau beantragt am Konsulat ein Visum. Ihr Mann, der im Widerstand gegen den Staat kämpft, muss ins Exil flüchten. Unter Beobachtung der Geheimpolizei ist die Familie politisch gefährdet. Die Frau wird am Konsulat hingehalten, wie die anderen Wartenden. Schicksale zerbrechen an der Bürokratie, an einer Wand in Gestalt der Sekretärin. Als Magda, zermürbt in den Wochen des Wartens und des Papierkriegs, auch noch ihr Kind verliert und die Aussichtslosigkeit ihrer Bemühungen erkennt, gibt sie auf. Auch ihr Mann John hat vergeblich gekämpft.

Ein amerikanischer Opernsänger reist in ein europäisches Land ein und gerät in die Mühle der Bürokratie. Nur die Hilfe eines Freundes befreit ihn aus dem von einer Lappalie angetriebenen Kreislauf.

Bericht, Erfindung, Theater, Realität? Alles. Der Opernsänger ist Dale Albright und seit 1993 Ensemblemitglied am Tiroler Landestheater. Ihm wurden Schwierigkeiten gemacht wegen ein bisschen zu viel Gepäck. Die Erinnerung daran ist wach geblieben. In den vergangenen Wochen erarbeitete Albright im Großen Haus am Rennweg die Rolle des Zauberers Nika Magadoff als Teil der eingangs erzählten Geschichte. Das Schicksal der Familie Sorel bestimmt die Oper „Der Konsul“ von Gian Carlo Menotti, Premiere ist übermorgen Samstag im Tiroler Landestheater.

Das Stück, 1950 in Philadelphia uraufgeführt und mit dem Pulitzer-Preis für Musik ausgezeichnet, greift eine Aktualität des 20. Jahrhunderts auf und ist im Besonderen das Stück unserer Tag­e. Menotti schrieb selbst das Libretto, konnte auf eigene Erfahrungen zurückgreifen und mahnt mit der Schilderung einer am unmenschlichen bürokratischen System zu Grunde gehenden Familie Humanität ein.

René Zisterer, der Menottis „Der Konsul“ für das TLT inszenierte, fände es, wie er vergangenen Sonntag in der Einführungsmatinee ausführte, „absurd, 60 Jahre zurückzugehen“, um das Stück in der Zeit spielen zu lassen. Auch für die Bühnenbildnerin Agnes Hasun und den Kostümgestalter Michael D. Zimmermann spielt die Oper in keiner Traumwelt, sondern in der Realität. Zisterer verwies auch auf die Möglichkeiten vielschichtigen Humors im Stück und darauf, dass die Sekretärin, wie sie am Ende zeigt, nicht nur eine schreckliche Person ist.

Uwe Sandner, Generalmusikdirektor am Pfalztheater Kaiserslautern und der Musikalische Leiter, verweist auf die außergewöhnliche Einheit von Dichtung und Musik dieses „unglaublich packenden Musiktheaters“: „Die Verbindung Arie/Rezitativ ist einmali­g, Menotti beherrschte diese Symbiose wie kein anderer in seiner Zeit.“

Menotti wurde 2011 in der Lombardei geboren, wirkt­e hauptsächlich in den USA und wurde 95 Jahre alt. Er komponierte hauptsächlich Opern („Das Medium“, „Das Telephon“, „Amahl und die nächtlichen Besucher“, „Goy­a“ für Placido Doming­o), aber auch Instrumentalkonzerte und Kammermusik. 1958 rief er im italienischen Spoleto das „Festival dei due Mondi“ (Festspiel zweier Welten) ins Leben.

Susanna von der Burg, die Magda der bevorstehenden Innsbrucker „Konsul“-Aufführung, ließ schon in der Matinee den emotionalen Einsatz und die Erschütterung des Ensembles spüren. Jennifer Maines singt die „Sekretärin“, kennt aktuell bürokratische Hürden und entdeckt nun unter der eisernen Maske ihrer Figur auch Emotionen.


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