Wynton Marsalis: Der „King of Trumpet“ huldigt dem „King of Swing“

Wien (APA) - Teil eins der „Doppelstunde“ des Jazz-Geschichteprofessors Wynton Marsalis im Wiener Konzerthaus: Der „King of Trumpet“ huldigt...

Wien (APA) - Teil eins der „Doppelstunde“ des Jazz-Geschichteprofessors Wynton Marsalis im Wiener Konzerthaus: Der „King of Trumpet“ huldigte am Dienstag mit seinem Jazz at Lincoln Center Orchestra dem „King of Swing“ Benny Goodman. Und es war wie zu erwarten ein musikalisch präziser, vor allem aber flotter Abend eines Kollektivs von brillanten Solisten. Am Mittwoch folgt mit „The Art of Brass“ Teil zwei.

Das Orchester - Reihe 1 fünf Saxofonisten/Klarinettisten, Reihe 2 drei Posaunisten, Reihe 3 vier Trompeter mit dem Meister himself ganz „bescheiden“ auf dem Hinterbankerl, dazu natürlich Drums, Bass und Klavier - legte gleich uptempo und mit vollem Breitwandklang mit Goodmans „Dont‘t Be That Way“ los. Nach dem flotten 1930er-Klassiker folgten „Sometimes“ und „The Man I Love“ als Trio mit dem großartigen Klarinettisten Ted Nash. Vollgas-Swing von Count Basie („One O‘Clock Jump“) und ein sehr grooviges „Blue Rivers“ von Duke Ellington folgten.

Seltsam: Bis dahin weit und breit kein Marsalis-Solo. Der Superstar mit dem angeblichen Superego fügte sich brav ins Kollektiv ein und spannte seine Bewunderer fast eine Dreiviertelstunde auf die Folter. Erst bei „Live Goes To A Party“ von Harry James gönnte der Meister seinen Fans eine erste - dafür äußerst überzeugende - Kostprobe seines subtilen Könnens in Solo-Form. Dann folgt wieder eine Trio-Formation: Wynton Marsalis setzte sich neben das Klavier an der Bühnenkante und zelebrierte gemeinsam mit Dan Nimmer am Klavier und Marion Felder III. am Schlagzeug Gordon Jenkins‘ „Goodbye“ - mit einem unnachahmlich weichen, lyrischen Ton zum Zerschmelzen.

Im weiteren Verlauf des Abends spielte sich das Jazz at the Lincoln Center Orchestra souverän durch den „Katalog“ von Klassikern und weniger bekannten Juwelen des Swing seit den 1930ern, von Goodmans „I‘m Coming Virginia“ über Ellingtons „Blue Skies“ bis hin zum grandiosen „King Porter Stomp“ des jazzgeschichtlich leider eher unterschätzten Jelly Roll Morton. Am Ende natürlich noch ein unverzichtbares Glanzstück aus dem umfangreichen Schaffen von Benny Godman: „Sing, Sing, Sing“.

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Und wieder: Marsalis die ganze Zeit „nur“ im Hintergrund - da war die Erwartung naheliegend, dass er sich wenigstens bei den Zugaben ins Zentrum spielt. Doch weit gefehlt: Als wirklich große Überraschung präsentierte Wynton Marsalis seinen Special Guest Thomas Gansch. Der Jazz-Trompeter aus Niederösterreich ist außerhalb der Szene eher unbekannt - aber der Hans Koller-Preisträger bewies im Konzerthaus eindrucksvoll, dass er die „Aufnahmeprüfung“ für Wynton Marsalis‘ Jazz at Lincoln Center Orchestra locker gemeistert hat. „Professor“ Marsalis zollt ihm jedenfalls zum Abschluss berechtigten Respekt.

Der Mittwochabend im Konzerthaus steht bei gleicher Besetzung ganz im Zeichen großer Jazz-Bläser. „The Art of Brass“ verbeugt sich vor Meistern des Bebop und der folgenden Stile und präsentiert u.a. Werke von Dizzie Gillespie und - natürlich - Miles Davis, wohl auch mit einer deutlich höheren Solo-Dosis von Wynton Marsalis.


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