Stichwort: Drittes Lager

Wien (APA) - Das „Dritte Lager“, dessen Historie die FPÖ nun wissenschaftlich aufarbeiten lassen will, bezeichnet die neben sozialdemokratis...

Wien (APA) - Das „Dritte Lager“, dessen Historie die FPÖ nun wissenschaftlich aufarbeiten lassen will, bezeichnet die neben sozialdemokratischer und christlich-sozialer Denkweise dritte politische Strömung in Österreich. Der Begriff war in der Nachkriegszeit aufgekommen, als ehemaligen NSDAP-Mitgliedern das Wahlrecht wieder zuerkannt wurde, woraus die Gründung des Verbandes der Unabhängigen 1949 resultierte.

Die Wurzeln des Dritten Lagers liegen im Deutschnationalismus, der nach dem Ersten Weltkrieg Österreich die Existenzberechtigung als eigenem Staat neben dem Deutschen Reich abgesprochen hatte. Ideologischer Gegenpol war in der Zwischenkriegszeit das katholisch-konservative Lager unter Engelbert Dollfuß mit der autokratischen Ständestaat-Diktatur.

1955 resultierte aus dem VdU, der etliche ehemalige Nationalsozialisten anzog und einte, die FPÖ. Erster Parteichef wurde der frühere NS-Unterstaatssekretär Anton Reinthaller. Bei ihrem ersten Antreten bei Nationalratswahlen am 13. Mai 1956 erreichte die junge Partei 6,52 Prozent der Stimmen. Nach dem Tod Reinthallers übernahm 1958 Friedrich Peter die Führung der Partei. Dieser führte die Freiheitlichen in den siebziger Jahren an die SPÖ heran.

Je nach Parteivorsitz betonte die FPÖ ihre liberale wie nationale Gesinnung. Aus diesem Weltanschauungsdilemma entstanden immer wieder Spannungen. Prominentes politisches Opfer war etwa der Liberale Norbert Steger, der in einer Koalition mit der SPÖ den Vizekanzler stellte: Im September 1986 unterlag er bei einem Parteitag in Innsbruck in einer Kampfabstimmung Jörg Haider. Der neue Bundeskanzler Franz Vranitzky (SPÖ) kündigte darauf hin unter Verweis auf den „Rechtsruck“ der FPÖ die Koalition auf.

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Auffassungsunterschiede freiheitlicher Politik - Stichwort Ausländer-Volksbegehren - führten auch zur Abspaltung des Liberalen Forums im Februar 1993 durch die frühere FPÖ-Generalsekretärin und freiheitliche Präsidentschaftskandidatin Heide Schmidt. Bis sich Haider selbst abspaltete: Während einer weiteren Regierungsbeteiligung in den 2000er-Jahren, diesmal mit der ÖVP, kam es nach dem „Putsch“ von Knittelfeld zur Gründung des BZÖ.

Die Spaltung des Dritten Lagers überlebte politisch letztlich nur die FPÖ. Nach Haiders Tod und dem Ausscheiden seiner Partei aus dem Nationalrat verschwand das BZÖ in der Bedeutungslosigkeit. Dessen Mitglieder hatten sich oft weniger einem ideologischen Dritten Lager verpflichtet gesehen, als der eigenen Karriere. Die FPÖ hingegen erzielte unter ihrem neuen Obmann Heinz-Christian Strache mit nationaler Note deutliche Wahlgewinne - bis zur derzeitigen Regierungsbeteiligung in einer Koalition mit der ÖVP.

Strache war es auch, der sich wieder vermehrt mit deutschnationalen Burschenschaftern umgab. Für Schlagende Studenten- und Mittelschülerverbindungen im Geist der bürgerlichen Revolution von 1848 war das Dritte Lager seit jeher politische Heimat. Auch zulasten der FPÖ: Ein in der Burschenschaft des niederösterreichischen FPÖ-Spitzenkandidaten Udo Landbauer aufgetauchtes Liederbuch mit antisemitischen Texten stürzte die Regierungspartei FPÖ zuletzt ins Dilemma.

Eine Konsequenz aus dem Skandal: Historiker sollen die dunklen Flecken des Dritten Lagers und der FPÖ beleuchten.

~ WEB http://www.fpoe.at ~ APA320 2018-01-31/13:13


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