Südkoreaner arbeiten jüngere Kriegsgeschichte tagestouristisch auf

Panmunjom/Seoul/Pjöngjang (APA) - Wenn nicht während der Tour zwei Mal junge Rekruten ganz in Camouflage anhand von Listen überprüften, ob a...

Panmunjom/Seoul/Pjöngjang (APA) - Wenn nicht während der Tour zwei Mal junge Rekruten ganz in Camouflage anhand von Listen überprüften, ob alle, die sich mit Ausweis registriert haben, auch tatsächlich anwesend sind, es wäre eine ganz normale Ausflugsfahrt. Die Stimmung im Bus ist heiter. Viele ältere Ehepaare, Eltern mit Kindern im Volks- und Mittelschulalter.

Es geht aber an eine der am strengsten bewachten Grenzen der Welt, die Grenze zwischen Nord- und Südkorea. Und die kann selten aber doch für Überraschungen gut sein. So hat die Fahrt doch einen speziellen Thrill. „Entfernen Sie sich nicht von der Gruppe!“

In Imjingak kauft man die Tickets und besteigt den Bus. Ein riesiger Parkplatz, ein Bahnhof zwecks Anbindung an das keine 60 Kilometer entfernte Seoul, ein kleiner Vergnügungspark für die jüngeren Besucher. Vorher noch mit der Riesen-Schiffschaukel eine Runde drehen, von der Aussichtsplattform schon einmal mit dem Fernrohr nach Nordkorea hinüberspähen oder von einer gekappten Brücke über die 4 Kilometer breite Entmilitarisierte Zone (Demlitiarized Zone/DMZ) mit der in der Mitte verlaufenden Demarkationslinie hinweg mit dem Teleobjektiv ein Foto von Kim Jong-uns Reich machen.

Der 35-jährige Sam blickt vom Fernrohr auf. Er arbeitet unter der Woche in einem petrochemischen Betrieb im Südwesten von Südkorea. Am Wochenende ist er bei seinen Eltern in Seoul und nutzt den Samstag für das Sightseeing an der Grenze. „Kim Jong-un ist schon verrückt. Aber die anderen Führer vorher waren das auch, also ist das eigentlich wiederum normal“, meint er in seinem Kurzmantel, dem dicken Schal und der blauen Baseballkappe.

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Neben der gekappten Brücke führt eine intakte Eisenbahnbrücke in die DMZ hinein. Die Gleise enden heute dort im Bahnhof Dorasan, erste Station der Bustouristen. Als Nord- und Südkorea noch den gemeinsamen Industriekomplex in Kaesong gleich hinter der Grenze auf nordkoreanischem Territorium unterhielten, brachten Züge Materialen auf die andere Seite, auf der Rückfahrt hatten sie die in Kaesong gefertigten Waren - meist Textilien - an Bord. Südkoreanische Firmen stellten Infrastruktur und Management, Nordkorea mehrere Zehntausend Arbeiter, die vom Süden mit Devisen bezahlt wurden. Der Betrieb wurde nach zehn Jahren 2016 im Streit um einen Atombombentest Nordkoreas eingestellt. Auch das in seinen Ausmaßen beachtliche „Inter-Koreanische Transitzentrum“ neben dem Bahnhof steht leer. Dahinter ein Grenztor, wo es nicht weitergeht. Modern alles - aber tot.

Dann geht es weiter zum Aussichtspunkt Dora. Der Feinstaub in der Luft, den es aus China auf die Koreanische Halbinsel herüberweht, verhindert heute die Sicht. Ein Modell zeigt die Baracken von Panmunjom direkt auf der Demarkationslinie, wo am 27. Juli 1953 der Waffenstillstand zum Stopp der Kampfhandlungen im Korea-Krieg unterzeichnet wurde. Dorthin kommt man derzeit nicht, die Baracken dienen der ersten Direktgespräche zwischen Nord- und Südkorea seit zwei Jahren.

Auf dem Modell sieht man die Straße auf der nordkoreanischen Seite, die auf die Baracken zuführt. Am 13. November hatte sich hier wieder einmal ein nordkoreanischer Soldat abgesetzt. Er raste mit seinem Wagen Richtung Süden. Als das Auto ein Rad verlor, floh er zu Fuß weiter. Mehrmals schossen ihn ehemalige Kameraden an. Südkoreanische Soldaten zogen ihn über die Grenzlinie. Er überlebte.

Höhepunkt des Halbtagsausflugs: Mit einer Miniaturbahn geht es unter die Erde zu „Tunnel 3“. Davor wird man in ein Auditorium geschleust. In einem nicht ganz unpropagandistischen Kurzfilm erfährt man unter dramatischer Musik von vier Tunneln der Nordkoreaner, die entdeckt wurden. Sie sollen sie zwecks geheimer Invasion des Südens gegraben haben. „Tunnel 3“ ragt 1,6 Kilometer auf südkoreanischen Gebiet, ein paar Hundert Meter kann man ihm an Schränken mit Gasmasken vorbei folgen, bis er blockiert ist und man umkehren muss. Weil der Tunnel so niedrig ist, muss man den Kopf schräg halten, schon bald tut einem das Genick weh. Manchmal stößt man mit dem nach Vorschrift angelegten Bauarbeiterhelm an die Tunneldecke.

Für „Kriegs-Tourismus“ muss man Seoul aber gar nicht verlassen. Das War-Memorial-Museum gegenüber des südkoreanischen Verteidigungsministeriums zeichnet den Korea-Krieg von 1950 und 1953 anhand von Schautafeln, Filmen, Fotos und Ausstellungsstücken genau nach. Vor dem Museum zeigt ein Denkmal die fiktive, melodramatische Szene eines behelmten südkoreanischen Soldaten, der mitten im Gefecht plötzlich auf seinen für Nordkorea kämpfenden Bruder trifft und - ihn umarmt. In der Säulenhalle vor dem Eingang sind die unzähligen Namen aller aufgelistet, die aufseiten Südkoreas und der US-geführten UNO-Truppe im Kampf gegen Nordkoreaner und Chinesen fielen. Neben dem Museumsgebäude klettern Kinder auf ausgemusterten Artilleriegeschützen, Amphibienfahrzeugen, Raketen und Kampfjets herum. Ihre Eltern machen begeistert Fotos von ihnen.

Im Inneren erfährt man schließlich auch, dass selbst das besetzte Nachkriegs-Österreich damals einen Beitrag zur Linderung der Kriegsnot in Korea geleistet haben soll: Mit mehr als 3,5 Millionen US-Dollar finanzierte Wien den Angaben zufolge Hilfsleistungen des Roten Kreuzes sowie Reislieferungen.


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