Krebs - Immuntherapie - Viele Mutationen, besserer Erfolg 2

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Vevey (APA) - Der Wirkmechanismus der Checkpoint-Inhibitoren bei Krebserkrankungen ist derzeit weltweit der wohl meistbeforschte Zweig für neue Therapien. Überhaupt ist die Onkologie gegenwärtig „der“ Fokus der medizinischen Entwicklung bei Innovationen insgesamt.

Pfizer-Onkologie-Spezialistin Tina Lupberger nannte dazu Zahlen: „40 Prozent aller Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten gehen derzeit in den Bereich der Krebserkrankungen. Es finden derzeit rund 6.000 klinische Studien an Patienten statt. Rund 800 Wirkstoffe sind in Entwicklung. 80 Prozent davon könnten erste Vertreter neuer Wirkstoffklassen werden.“

Der deutsche Pharmakonzern Merck und Pfizer haben mit Avelumab einen Checkpoint-Inhibitor entwickelt, der die Interaktion zwischen Krebs- und Immunzellen auf der Seite der bösartigen Zellen durch Besetzung des PD1-Liganden hemmen soll. „Das ist der Schalter, der die Immunreaktion gegen den Tumor abschaltet“, sagte Kevin Chin, Vize-Chef der Abteilung für Klinische Entwicklung auf dem Gebiet für Immuno-Onkologie bei Merck. Auch in Europa zugelassen wurde das Medikament im November vergangenen Jahres für die Behandlung von Patienten mit fortgeschrittenem Merkelzell-Karzinom nach Fehlschlag der Chemotherapie. Der monoklonale Antikörper wird derzeit von Merck und Pfizer in 30 klinischen Studien bei 15 verschiedenen Krebsarten erprobt.

Die Zulassungsstudie umfasste 88 Patienten mit metastasiertem Merkelzell-Karzinom nach Versagen der Chemotherapie in einem guten Allgemeinzustand. Sie bekamen als einziges Medikament den monoklonalen Antikörper als Infusion alle zwei Wochen (zehn Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht).

Chin fasste die Ergebnisse so zusammen: „Nach zwölf Monaten hatten 11,4 Prozent ein komplettes Ansprechen mit Verschwinden des Tumors, 21,6 Prozent zeigten ein Schrumpfen des Tumors. Bei 10,2 Prozent blieb die Krankheit stabil.“ Auch nach 18 Monaten lag die Ansprechrate bei 33 Prozent, 40 Prozent der Patienten hatten überlebt. Nach sechs Monaten waren es noch 70 Prozent gewesen.

Der Merck-Onkologie-Experte verwies auf ein Faktum, das bei der Immuntherapie gegen Krebs immer häufiger beobachtet wird: „Manche Patienten, etwa 30 Prozent, erreichen ein Plateau und leben zwei Jahre und länger. Kommt ein Behandelter auf dieses Plateau, spricht das für eine dauerhafte Wirkung.“ Der deutsche Dermatologe Dirk Schadendorf (Uniklinik Essen) bestätigte das: „Wir sehen Ähnliches auch beim Melanom.“

Freilich, viele Fragen bleiben noch offen. Schadendorf sagte: „Derzeit ist Avelumab nur für die Verwendung nach Fehlschlagen der Chemotherapie zugelassen. Viele Patienten mit einem Merkelzell-Karzinom sind aber betagt und vertragen die Chemotherapie nicht. Darüber hinaus wissen wir, dass die Immuntherapie vor der Chemotherapie besser wirkt.“ Es wäre also notwendig, die Behandlung als Ersttherapie zu erproben. Auch alle Fragen möglicher Kombinationen mit Chemotherapie, Strahlenbehandlung etc. sind noch offen.

Entscheidend für die Zukunft der neuen Immuntherapie dürfte auch das Identifizieren der dafür geeigneten Patienten sein. Was beim Merkelzell-Karzinom, Melanom oder nichtkleinzelligem Lungenkarzinom offenbar funktioniert, versagt derzeit bei Dickdarmkrebs und Pankreaskarzinomen.

„Ich wünschte, ich wüsste, welche Patienten am meisten von der Behandlung profitieren. Bei Tumoren mit hoher Expression (Produktion; Anm.) von PD-1 oder PD-L1 Strukturen ist das mit größerer Wahrscheinlichkeit der Fall. Aber es gibt auch Patienten ohne dieses Merkmal, die ansprechen“, sagte Chin.

Insgesamt herrscht unter den Onkologen die Meinung vor, dass Tumoren mit hoher genetischer Instabilität und vielen Mutationen durch die Immuntherapie besser angreifbar sind, weil sie immunologisch leichter als „fremd“ erkannt werden. Beim Merkelzell-Karzinom ist das offenbar der Fall, weil es oft mit UV-Schäden von Hautzellen und/oder Polyomavirus-Infektionen einher gehen. Etwas anderes wäre es, wenn man durch Chemo- oder Radiotherapie künstlich Mutationen hervorrufen könnte, welche die Checkpoint-Inhibitoren wiederum besser wirksam machen.

Merck betreibt in Vevey in der Schweiz eines der größten europäischen Biotechnologie-Zentren. Dort werden unter anderem verschiedene Biotechnologie-Medikamente und auch Avelumab produziert.


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