Lügen, um die Wahrheit zu sagen

Für den israelischen Schriftsteller Dror Mishani gibt es keine absolute Gewissheit.

© Reuters

Von Gerlinde Tamerl

Innsbruck –Mit einer Sturmwarnung beginnt der dritte Kriminalroman des in Tel Aviv lebenden israelischen Schriftstellers Dror Mishani.

Im Zentrum steht wieder der zweiflerisch-melancholische Oberinspektor Avi Avraham. Eigentlich sollte es für Avi keinen Anlass für ein Stimmungs­tief geben, denn in seinem Leben stehen die Zeichen auf Erfolg: Er wurde soeben zum Leiter des Ermittlungsdezanats ernannt und seine Freundin Marianka ist von Brüssel zu ihm ins regnerische Tel Aviv gezogen.

In ihrer Nähe scheint sich Avi wohl zu fühlen, jeden Abend rekonstruiert er seine Kriminalfälle über ihre aufmerksamen Ohren. Es plagen ihn jedoch Schuldgefühle, etwa, dass Marianka sich einsam fühlen könnte, denn ein tragischer Mord nimmt schon wieder seine gesamte Aufmerksamkeit in Anspruch.

Die sechzigjährige Lea Jäger wird tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Allem Anschein nach dürfte die Dame den Täter freiwillig empfangen haben, es sind keinerlei Spuren eines gewaltsamen Eindringens festzustellen. Jäger ist bereits aktenkundig, sie wurde von einem Bekannten vergewaltigt. Der Täter hatte sich aber gestellt und sitzt im Gefängnis. Avis Verdacht fällt zunächst auf das familiäre Umfeld des Vergewaltigers, bis ein mysteriöser Polizist auf der Überwachungskamera entdeckt wird.

In einem weiteren Erzählstrang wird der regnerisch anmutende Hochzeitstag der jungen Bankangestellten und zweifachen Mutter Mali Bengtson geschildert. Ihr Ehemann Cody wirkt verändert, einsilbig zieht er sich auf das Hausdach zurück. Mali führt sein merkwürdiges Verhalten auf Codys vergebliche Jobsuche zurück und auch darauf, dass es ihr nicht gelingen will, den gewaltsamen Übergriff eines Unbekannten in einem Hotelzimmer während einer Dienstreise zu verarbeiten. Der Mann wurde nie gefasst. Ermittler Avi entdeckt durch Zufall eine Verbindung zum Mord an Lea Jäger.

Mishani will sein Lesepublikum nicht mit der absoluten Wahrheit beruhigen. Genau darin liegt jedoch die literarische Stärke seines auf psychologische Wendepunkte hin komponierten Krimis. Bewusst offenbart er die ambivalenten Gefühle seiner Protagonisten und verweist gleichsam darauf, dass die Ungewissheit die alles bestimmende Macht im Leben ist.

Krimi Dror Mishani: Die schwere Hand. Aus dem Hebräischen von Markus Lemke. Zsolnay, 286 Seiten, 22,70 Euro.


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